Mit Nadel und Farbe zur neuen Brustwarze
Tattoos in verschiedensten Motiven sind zur Normalität geworden. Eher ungewöhnlich sind dagegen Brustwarzentattoos. Für Frauen nach einer Brustkrebserkrankung kann es jedoch ein Schritt auf dem Weg zu mehr Selbstakzeptanz sein. Eine Frau hat sich in Hamburg unter die Nadel gelegt.
Annika Exner & Miriam Mair

Brustwarzentätowierung | Quelle: Annika Exner
Sanft legt Julia Precht ihre Hände auf Anjas (Name von der Redaktion geändert) Schultern. „Bereit?“, fragt sie. Zaghaftes Nicken. Anja öffnet vorsichtig ihre Augen. Zwei Stunden saß sie auf dem Tätowierstuhl. Nun steht sie vor dem runden Spiegel, in den sie endlich blicken darf. Sie sieht hinunter zu ihrer linken Brust. Zitternd schlägt sie sich ihre Hand vor den Mund. Ihr Blick verschwimmt. Sie bringt nur ein Wort hervor: „Wow“.
„Loch in meiner Brust“
Doch durch die Krebsbestrahlung kam es zu einer Kapselfibrose: Eine dünne Bindegewebsschicht schloss Anjas Silikonimplantat ein und wollte es abstoßen. Die Folge: Das Silikon musste wieder entfernt werden. „Ich hatte ein richtiges Loch in meiner Brust. Es war einfach nur schrecklich.“ Anja fühlte sich „extrem unwohl“ in ihrem Körper.
Infos zu Brustkrebs
In Deutschland erkranken pro Jahr etwa 230.000 Frauen an Krebs, mehr als 70.000 davon an Brustkrebs. Damit ist Brustkrebs mit 30 Prozent aller Fälle die häufigste Krebsart bei Frauen. Rechtzeitig erkannt, ist die Erkrankung meistens heilbar. Die Sterberate ist seit Jahren kontinuierlich rückläufig. Nach fünf Jahren sind 87 Prozent der Patientinnen noch am Leben. Auch Männer können an Brustkrebs erkranken, allerdings seltener. Nur ein Prozent aller Fälle sind männliche Patienten.
Quellen: Zentrum für Krebsregisterdaten und ONKO Internetportal
Warum gerade die Brust so anfällig für Krebs ist, warum Früherkennung so wichtig ist und wo Betroffene Unterstützung erhalten, hört ihr in der Podcastfolge.
Neuer Lebensabschnitt durch Brustwarzentattoo
Jetzt, an einem Samstag im Juni 2024, steht Anja vor einem Tattoostudio in einem roten Backsteinhaus mit milchiger Glasfront in Hamburg. Ihre Tochter und ihr Sohn begleiten sie. Hier wird Anja sich die nächsten Stunden unter die Nadel legen. Nicht für ein gewöhnliches Herz oder eine Blumenranke, sondern für eine neue Brustwarze.
Precht ist Fachärztin für Strahlentherapie. Zwei Tage die Woche verbringt sie aber im Tattoostudio. Der Brustkrebs nehme Patientinnen die Wahl, was mit ihrem Körper geschehen soll. Genau diese Selbstbestimmung möchte Precht den Frauen zurückgeben: „Du hast das Recht auf ein symmetrisches Körperbild nach dieser Erkrankung, weil du sonst immer stigmatisiert wirst und damit auch nicht abschließen kannst.“

Tätowiererin Julia Precht bei der Bearbeitung der Brustwarzenfotos | Quelle: Annika Exner
Von der „Landkarte“ zur Brustwarze
Julia Precht und Anja gehen in einen kleinen Raum neben dem Empfang. Anja zieht sich ihr weißes T-Shirt über den Kopf. Zunächst tastet Precht Anjas Brust ab. Mittlerweile hat Anja einen zweiten Brustaufbau hinter sich – dieses Mal mit eigenem Körperfett. Die Tätowiererin greift zur Kamera und fotografiert die noch vorhandene, rechte Brustwarze. Danach verschwindet sie im Eingangsbereich und bearbeitet das Foto auf ihrem Tablet. Das bedeutet für Anja: Kurz durchschnaufen. Sie beißt herzhaft in ein Brötchen, damit der „Kreislauf später nicht schlappmacht“.
Prechts Ziel ist es nun, eine „Landkarte“ der Brustwarze zu erstellen. An deren Linien wird sie sich bei der Tätowierung orientieren. Dafür druckt sie das Foto in drei verschiedenen Größen aus. Sie geht zurück zu Anja und legt die Fotos auf ihre Brust. Die beiden entscheiden sich für die mittlere Größe. Für Precht beginnt jetzt „der kreative Part“. Sie schneidet das Foto der Brustwarze aus und paust es auf ein spezielles Papier ab. Es entsteht die „Blaupause“. Dabei macht sie kleine Markierungen und verleiht der Brustwarze ihre nötige Struktur.
„Freude, Aufregung, Angst“
Tattoofarben: von blassrosa bis tiefrot
Die Vorbereitungen für die Tätowierung sind fast abgeschlossen. Precht mischt die Farben an. Leicht klopft sie die Farbfläschchen in unterschiedlichen Hauttönen auf ihre Hand. Die Farben reichen von blassrosa bis tiefrot. „Für die Warze brauchen wir ein bisschen lila“, meint Precht. „Was lila?“, fragt Anja leicht entsetzt. „Eher so ein bisschen aubergine“, beruhigt die Tätowiererin lachend.
Es folgt der letzte vorbereitende Handgriff. Precht klebt das Foto der Brustwarze knapp unter die linke Brust und wechselt ihre Handschuhe. Ihr Arbeitsplatz mit der aufgebauten Farbpalette erinnert nun eher an ein Kunstatelier.
Leise Musik spielt im Hintergrund. Eine Verpackung raschelt, Gummi quietscht. Wie ein Startsignal ertönt das Sprühen der Desinfektionsmittelflasche. Precht legt Anja ermutigend die Hände auf die Knie und setzt mit der rechten Hand die Nadel an. Ein Summen setzt ein. Behutsam arbeitet sich Precht von innen nach außen vor. Sie beginnt „mit dem Nippel, denn der muss als Erstes sitzen.“ Während der Behandlung ist es der Tätowiererin wichtig, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen: „Die Patientinnen weinen schon genug, hier sollen sie auch mal wieder lächeln und lachen können.“
„Malen nach Zahlen“
Der erste Blick in den Spiegel
Die Tätowiererin ist fast fertig. Vorsichtig tupft sie die überschüssige Farbe ab. Mit Weiß verleiht sie noch Struktur, damit „wir am Ende keine kreisrunde Salamischeibe haben“. Schließlich geht Precht drei Schritte nach hinten und nickt zufrieden. Anjas Blick wandert leicht ängstlich hinüber zu ihrer Tochter, die auf dem Stuhl schräg gegenüber sitzt. „Es sieht toll aus, Mama!“, ruft sie. Zögernd, aber dennoch bestimmt, drückt sich Anja aus dem Behandlungsstuhl hoch. Ein letztes Mal sucht sie den bestätigenden Blick ihrer Tochter, ihrer größten Unterstützung während der schweren Zeit.
Mit geschlossenen Augen tritt Anja vor den Spiegel, holt zitternd Luft und öffnet ihre Augen. In diesem Moment fühlt sie sich – so sagt sie selbst – wieder „vollständiger“ und „wohler als Frau“. Anja nimmt ihre Brille ab und versucht, die Tränen wegzuwischen. „Hammer! Auch die Narbe fällt gar nicht mehr so auf! Es ist einfach ein ganz anderes Bild“, sagt sie. Während die Musik leise im Hintergrund spielt, steht Anja noch eine Weile lächelnd und sprachlos vor dem Spiegel.
Erst als sie ihr T-Shirt anzieht, kommen ihr wieder die Worte: „Ich bin stolz darauf, diesen Weg gegangen zu sein. Ich komme mir selbst wieder näher. Aber es wird noch lange dauern, bis ich das wirklich realisiert habe.“

Anja sieht das Brustwarzentattoo zum ersten Mal | Quelle: Annika Exner
Anjas Weg ist eine von vielen Möglichkeiten, nach einer Brustkrebserkrankung wieder mehr zu sich selbst zu finden. Eine andere Option ist ein besonderes Fotoshooting – oben ohne und ohne Brüste.

Annika Exner & Miriam Mair
„Narben sind Tattoos mit den besseren Geschichten.“ Dieses Zitat ist uns besonders in Erinnerung geblieben. Trotz Narben kann man stolz auf seinen Körper sein. Wir müssen nicht perfekt sein, um uns selbst zu lieben!
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