Die Antwort hat ihren Preis
Antworten in Sekundenschnelle auf Fragen, die ihn seit Jahren begleiten: Künstliche Intelligenz wird für Moritz zur Anlaufstelle, um seine eigene Psyche besser zu verstehen. Doch den Preis dafür zahlt er nicht mit Geld.
– Elisabeth Eppel, Gruppe Körperkapitalismus

Illustration Franka Brand
Moritz* sitzt in seinem Zimmer, das Handy in der Hand, die Nacht schon weit fortgeschritten. Das Licht des Displays fällt auf sein Gesicht, der Rest des Raums bleibt dunkel. Kein Gespräch, kein Gegenüber, nur das Chatfenster von ChatGPT. Er tippt, hält inne, löscht wieder. Dann schreibt er weiter. Er liest über ADHS und Bipolarität. Er vergleicht Beschreibungen von Traumata mit seinem eigenen Erleben und sucht nach einem Begriff für etwas, das ihn seit Jahren begleitet. Sekunden später erscheint die Antwort. Moritz liest, scrollt, stellt erneut eine Frage. Jetzt über Autismus und Panikattacken. „Wenn einem keiner erklärt, was nicht normal ist, kann man seine Filme nie erkennen“, sagt der 37-Jährige später. Genau das habe ihm die KI ermöglicht: Begriffe für Dinge zu finden, die er lange nicht einordnen konnte. „Das hat mir geholfen, Sachen besser hinterfragen zu können.“
In Moritz Geschichte geht es um seine intimsten Daten. Seinen echten Namen möchte er nicht teilen. Nicht einmal die KI kennt ihn. „Hoffe ich“, schiebt er hinterher. Dafür weiß sie so viel mehr.
Was er in den Chat schreibt, sind nicht nur Suchanfragen. Es sind Diagnosen und persönliche Erfahrungen. Daten, die einen hohen wirtschaftlichen Wert haben. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Selbsthilfe, Datenökonomie und psychischer Gesundheit beginnt die Debatte um KI und Körperkapitalismus. Gemeint ist damit die wirtschaftliche Verwertung intimster Gesundheitsdaten.
Moritz ist Forstwirt, kommt vom Land und ist seit fast acht Jahren in Therapie. Er war bereits mehrere Monate stationär in Behandlung. Über die Jahre erhielt er verschiedene Diagnosen. Zunächst Depressionen und soziale Phobie, später kam ADHS hinzu. Trotzdem blieben für ihn Fragen offen. Seine Therapeutin möchte er nicht schlechtreden. „Aber ich denke, ihr Wissensstand ist schon etwas veraltet.“ In der stationären Therapie habe er erlebt, wie viel schneller Entwicklungen sein können, wenn spezialisierte Fachkräfte beteiligt sind. Danach sei bei ihm ein Gefühl geblieben, selbst weiterdenken zu müssen. „Ich habe überlegt, ob nicht etwas anderes sein könnte“, erzählt Moritz, „da hat mir KI am besten geholfen.“
„Das Schöne an KI ist, dass sie mir hilft, schnell zu recherchieren und Informationen zu holen“
Vor zwei Jahren installierte er ChatGPT auf seinem Handy. Zuerst nutzte er die generative Künstliche Intelligenz für Alltagsfragen, vergangenen Sommer kamen psychologische dazu. „Mir ging es nicht unbedingt immer darum, eine Meinung zu haben, sondern einfach nur Fakten herauszuhören“, sagt er. Für ihn wurde die KI zu einem Werkzeug, um Informationen zu bündeln und Zusammenhänge sichtbar zu machen. „Das Schöne an KI ist, dass sie mir hilft, schnell zu recherchieren und Informationen zu holen“, sagt Moritz.
In dieser Zeit nutzt er den Chatbot teilweise täglich. Er beschreibt die KI nicht als Gesprächspartnerin. „Ich habe das nie als Dialogpartner genutzt“, sagt er, „für mich ist es ein Tool, um Informationen herauszufinden.“
Moritz begann, sich intensiver mit seiner ADHS-Diagnose auseinanderzusetzen. Er las über verschiedene Ausprägungen der Erkrankung und versuchte seine Erfahrungen einzuordnen. Dabei stieß er auf Themen, die in seiner bisherigen Therapie kaum eine Rolle gespielt hatten. Unter anderem brachte ihn die KI auf die Idee, dass neben ADHS auch Anteile aus dem Autismus-Spektrum eine Rolle spielen könnten. Später kamen Hinweise hinzu, die ihn über eine leichte Bipolarität nachdenken ließen. Die Antworten nahm Moritz mit in die Therapie. Dort sprach er mit seiner Therapeutin darüber. Die neuen Überlegungen wurden intern festgehalten, als feste Diagnose jedoch nicht dokumentiert. „Wir haben das für uns gemacht. Ich brauche das nicht professionell als harten Fakt und als Diagnose“, erzählt Moritz.
Moritz ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen verwenden Künstliche Intelligenz als Gesprächspartnerin für ihre persönlichsten Probleme. Eine repräsentative Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention zeigt, dass 2026 35 Prozent der 16- bis 39-Jährigen bereits mit KI über ihre Depression gesprochen haben. Auf TikTok berichten Nutzende von nächtlichen Gesprächen mit ChatGPT. Sie lassen sich von KI bei Selbstzweifeln oder Beziehungsproblemen beraten, freuen sich über Zuspruch, Lob oder Trost von einer Maschine.
Moritz macht das nicht. Er sucht keine emotionale Nähe, will zwischenmenschliche Gespräche nicht ersetzen. Moritz sucht einen wertfreien Raum; „Ich mag diese Objektivität“, sagt er, „Ich brauche da nichts, was gewertet wird, kein Judging.“
Klaus Bernhardt sieht zwei Gründe, warum Menschen das tun. „Sie haben die KI sofort griffbereit, sie haben keine Kosten und sie haben auch niemanden, dem sie sich gegenüber rechtfertigen müssen“, sagt der Heilpraktiker.
Bernhardt sieht in modernen Sprachmodellen außerdem die Fähigkeit, Muster zu erkennen und zu erraten, was als nächstes gesagt wird. „Gute Therapeuten achten darauf, was nicht gesagt wird, was zwischen den Zeilen steht“, sagt er. „Und genau da hat die Maschine eine wahnsinnige Stärke.“
Für Bernhardt ist das mehr als eine technische Spielerei. Er glaubt, dass KI künftig eine feste Rolle in therapeutischen Prozessen einnehmen wird, der Mensch jedoch stets das Bindeglied bleiben muss. Sprachmodelle seien nicht auf eine einzelne Therapieschule beschränkt und könnten Wissen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander verknüpfen.
Diese Erfahrung hat auch Moritz gemacht. Er hatte das Gefühl, dass seine Therapeutin nicht über den aktuellen Wissensstand verfüge. Die KI habe ihm geholfen, Zusammenhänge zu erkennen und Fragestellungen zu entwickeln, die später in seine Therapie einflossen. „KI wird in Zukunft ein Sparringpartner sein in der Therapie“, ist sich Bernhardt sicher.
Doch an dieser Stelle beginnt der Konflikt. „Chatbots dürfen nicht mit therapeutischer Kompetenz verwechselt werden“, sagt Philipp Kellmeyer, Professor für Digitale Gesundheit und Künstliche Intelligenz.
Moderne Sprachmodelle seien darauf optimiert, Gespräche aufrechtzuerhalten. „Sie legen oft eine zugewandte, affirmative und freundliche Haltung an den Tag“, sagt der Neurologe. Das könne hilfreich sein, wenn Menschen Unterstützung oder Orientierung suchen. Es könne aber auch problematisch werden, wenn ein System vor allem bestätigt, statt kritisch zu hinterfragen. In psychisch belastenden Situationen bestehe die Gefahr, dass sich problematische Denkmuster verstärken, anstatt aufgelöst zu werden. „Die positive Verstärkung von negativen Gedanken kann zu einer Verstärkung von psychischen Symptomen führen bis hin zur Suizidalität“, sagt Kellmeyer.

Neurologe Philipp Kellmeyer |Patrick Seeger
„Wer hat schon jemanden, den man Tag und Nacht jederzeit anrufen könnte?“
Informatik-Professorin Katharina Zweig verweist ebenfalls auf das Phänomen der sogenannten „Sycophancy“: Chatbots neigen dazu, Nutzenden zuzustimmen, anstatt ihnen zu widersprechen. Wer nachts nicht schlafen kann, bekommt trotzdem eine Antwort. „Wer hat schon jemanden, den man Tag und Nacht jederzeit anrufen könnte?“, fragt sie. Sie sieht den Grund für das Vertrauen in eine KI in einer menschlichen Eigenschaft: Menschen neigen dazu, anderen Gegenübern Absichten, Gefühle und Verständnis zuzuschreiben, selbst dann, wenn diese gar nicht vorhanden sind. „Menschen verorten zu viel Intelligenz bei Sprachmodellen“, sagt die SPIEGEL-Bestseller-Autorin. Diese Sprachmodelle berechnen lediglich, welche Antwort statistisch am wahrscheinlichsten auf eine Eingabe folgt. Ob diese Antwort therapeutisch sinnvoll ist, können sie selbst nicht beurteilen.

Informatikerin Katharina Zweig |RPTU Kaiserslautern
„Wenn die falsche Person an Informationen aus meiner KI kommt, dann wissen die Dinge über mich, die ich vielleicht nicht will, dass sie wissen.“
Auch Moritz ist skeptisch. Obwohl er ChatGPT intensiv nutzt, begleitet ihn dabei ein ungutes Gefühl. „Sollte ich meine intimsten Gedanken eigentlich einer Maschine anvertrauen. Hat das Folgen für mich? Da habe ich schon ganz starke Bedenken“, sagt er. Von Symptomen über Diagnosen bis hin zu persönlichen Gedanken: All diese Informationen landen in den Servern eines privaten profitorientierten Unternehmens, dessen langfristige Datennutzung für ihn schwer durchschaubar bleibt. „Wenn die falsche Person an Informationen aus meiner KI kommt, dann wissen die Dinge über mich, die ich vielleicht nicht will, dass sie wissen“, sagt der 37-Jährige.
Trotzdem hält ihn die Sorge nicht davon ab, die Technologie zu nutzen. „Momentan bin ich da in gewisser Weise in einer gefangenen Faulheit“, sagt er. Über Monate habe er einen Wissensstand innerhalb des Systems aufgebaut. Die KI kenne die bisherigen Gespräche, die Zusammenhänge und die Themen, die ihn beschäftigen.
Neurologe Kellmeyer beschreibt dieses Verhalten als Privacy-Paradoxon: Menschen kennen die Risiken für ihre Daten, entscheiden sich aber trotzdem für die Nutzung, wenn der unmittelbare Nutzen groß genug erscheint.
Moritz bezahlt nicht mit Geld. Er bezahlt mit Informationen. Mit Diagnosen, Ängsten, Symptomen und Gedanken, die normalerweise nur im geschützten Raum einer Therapiesitzung ausgesprochen werden. Er fragt sich selbst: „Wer weiß, wie anonymisiert das wirklich ist?“
Der Heilpraktiker Bernhardt hält diese Datenschutzgefahr für deutlich überzogen. Die meisten Menschen hätten längst über Smartphones, Online-Einkäufe oder den sozialen Netzwerken umfangreiche digitale Spuren hinterlassen. Doch lässt sich das mit den intimsten Informationen der eigenen Psyche vergleichen? Bernhardt bezweifelt, dass der Unterschied so groß ist, wie viele annehmen. „Sie müssen gar nichts liken“, sagt er. „Wie lange die Aufmerksamkeit bei Beiträgen hängenbleibt, merkt sich der Algorithmus.“ Schon aus solchen Verhaltensdaten ließen sich Interessen, Vorlieben und Persönlichkeitsmerkmale ableiten. Die digitalen Profile, die auf diese Weise entstehen, seien oft deutlich aussagekräftiger, als den meisten Menschen bewusst sei. „Wenn man da sein eigenes Datenprofil aufrufen könnte, würde man wahrscheinlich mehr erfahren als in zehn Stunden Psychotherapie.“ Einen Therapieplatz muss man allerdings erst einmal bekommen. Wartelisten sind lang und die Plätze begrenzt. Zudem steht die psychotherapeutische Versorgung finanziell unter Druck. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnt auf ihrer Website, dass aktuelle Reformen der gesetzlichen Krankenversicherung die psychotherapeutische Versorgung erheblich verschlechtern könnten. Sie befürchtet weniger Therapieplätze, längere Wartezeiten und eine schlechtere Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Heilpraktiker Klaus Bernhardt |Katja Kuhl
Doch wer trägt im Ernstfall die Verantwortung, wenn eine KI im sensiblen Bereich psychischer Gesundheit falschliegt? Kellmeyer betont hier die strukturelle Verantwortungslosigkeit solcher Systeme: Wenn etwas schiefgeht, lasse sich kaum eindeutig festmachen, wer verantwortlich ist: Nutzende, Entwickelnde oder Unternehmen hinter den Systemen? Diese „Verantwortungsdiffusion“ sei ein zentrales gesellschaftliches Problem im Umgang mit KI.
Die Debatte berührt jedoch noch eine größere gesellschaftliche Frage. „Grundsätzlich spiegelt sich in der Nutzung von ChatGPT die immer stärkere menschliche Einsamkeit wider“, sagt Informatikerin Zweig. Wer nachts einen Chatbot öffnet, suche oft nicht nur Informationen, sondern Aufmerksamkeit und das Gefühl, gehört zu werden.
Moritz passt nur teilweise in dieses Bild. Er sucht weder emotionale Nähe noch künstliche Empathie oder einen Freund. Er sucht Antworten. Obwohl er weiß, dass die Maschine ihn auf emotionaler Ebene nicht versteht, vertraut er ihr Informationen an, die zutiefst persönlich sind. Nicht, weil sie menschlicher wirkt als Menschen. „Wenn ich was Menschliches will, dann gehe ich zur Therapeutin“, sagt er. Sondern weil sie auf ihn objektiver und allwissender wirkt. Auch Bernhardt sieht darin nur eine Ergänzung, keinen Ersatz für echte Beziehungen. „Menschen brauchen Menschen. Echte Empathie, also wirklich einem in die Augen schauen und Verständnis zeigen, das kann die KI nicht“, sagt er.
Die Ergebnisse der Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention zeigen, dass Menschen KI im Umgang mit Depressionen nicht nur nutzen, um Informationen zu erhalten. Für viele macht sie es möglich, über Belastungen zu sprechen und Unterstützung zu finden.
Die Fragen, die Moritz noch vor einigen Monaten in ChatGPT tippte, beschäftigen ihn heute seltener. Antworten hat er bekommen. Die Daten, die er dafür preisgegeben hat, bleiben. Was mit ihnen geschieht, weiß er nicht. Trotzdem würde er die KI wahrscheinlich wieder fragen.
*Name von der Redaktion geändert
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Unsere Gruppe Körperkapitalismus beschäftigt sich mit der wachsenden Bedeutung von Körperdaten in einer digitalisierten Gesellschaft. Durch Social Media, Künstliche Intelligenz und Wearables entstehen täglich Datenspuren, die Einblicke in Gesundheit, Verhalten und persönliche Lebensbereiche ermöglichen. Daraus ergeben sich zentrale Fragen: Welchen Wert besitzen diese Daten, wie werden sie wirtschaftlich genutzt und welche Verantwortung tragen Nutzende im Umgang mit digitalen Technologien? Unser Projekt zeigt, welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen hinter der Nutzung von Körperdaten stehen.
(v. l. Svenja Quantz, Elisabeth Eppel, Fiona Vogt)



