Sogar Pippi wäre sprachlos
Peter kann nicht sprechen. Trotzdem ist er Teil einer Welt, die von Sprache lebt. Er sitzt im Hörsaal, diskutiert mit anderen Studierenden und findet eigene Wege, sich mitzuteilen. Seine Geschichte beginnt mit einer ungewöhnlichen Form der Kommunikation. Aber sie handelt von mehr.
– Lea Griesbeck, Gruppe Mut-Report
Er erzählt es beiläufig. Fast zu beiläufig. Als hätte er gerade nicht etwas erzählt, das einen stutzen lässt. „Wie bitte, was?”, frage ich. Ein Grinsen zieht sich über sein Gesicht. Das wissende Grinsen von jemandem, der diese Reaktion schon kennt. Er nickt langsam. Ja, wirklich. Peter – sein Name wurde auf Wunsch seiner Eltern zu seinem Schutz geändert – singt im Chor. Naja – also. Irgendwie passt das schon. Peter mag Gemeinschaft. Er ist einer, der gerne dabei ist – und den ich gerne dabeihabe. Und trotzdem bleibt da dieser Widerspruch. Denn Peter kann nicht sprechen. Jedenfalls nicht so, wie es die meisten tun. Ganz früher, mit vier Jahren, hat es noch funktioniert. Schwer verständlich, aber flüssig. Im Laufe seiner Kindheit wurden die Worte dann weniger, bis sie irgendwann ganz ausblieben. Diagnose Sprachentwicklungsstörung.
Peter ist dennoch das, was man ein medizinisches Wunder nennt. Dreieinhalb Monate zu früh geboren. 30 Tage im künstlichen Koma. Ein Vierteljahr auf der Intensivstation. Ein Anfang, der vieles hätte beenden können. Der Grundstein dafür, wer er 28 Jahre später sein wird: Niemand, der sich schnell aufhalten lässt.
Und dann bin da ich: Lea, die gerne spricht. Viel und über alles. Über mein Frühstück am Morgen, eine Begegnung auf dem Weg hierher, aber auch die großen Fragen. Freundschaft, Zukunft, Wünsche und das, was mich bewegt. Für mich gibt es kaum etwas, das nicht in Worte gefasst werden kann. Auch mit Peter spreche ich gerne. Ich stelle Fragen, erzähle, reagiere – so wie ich es gewohnt bin. Nur seine Antworten kommen nicht sofort zurück. Zwischen Frage und Antwort liegt manchmal ein kurzer Moment. Dann nimmt Peter sein iPhone. Seine Finger bewegen sich über das Display, bis aus einzelnen Buchstaben ein Gedanke wird. Erst dann dreht er den Bildschirm zu mir.
„Ja, wirklich. Singen geht noch”, steht nun auf seinem iPhone geschrieben.
Singen und Sprechen laufen im Gehirn nicht über dieselben Bahnen, sagt seine Mutter. Deshalb funktioniert’s. Er zuckt lächelnd mit den Schultern. Eine kleine Geste, fast routiniert, als würde er damit sagen wollen: So ist es eben. Und so fiebert Peter der Chorprobe entgegen. Am Abend wird er zwischen den anderen stehen, den Blick auf die Chorleitung gerichtet, bereit für seinen Einsatz. Aber bis dahin liegt noch ein langer Tag vor ihm.
Ein Raum, der von Sprache beherrscht wird
Es ist ein Dienstagvormittag. Die Zeiger der Uhr stehen auf kurz nach zehn. Langsam füllt sich der Vorlesungssaal, in dem Peter in einer der mittleren Reihen Platz genommen hat. Die schweren Türen fallen ins Schloss, Stühle klappen nach unten, Rucksäcke rutschen von Schultern auf den Boden. Stimmen mischen sich. Studierende klappen ihre Laptops auf. Irgendwo kratzt ein Reißverschluss. Es riecht nach Kaffee, Mate und einer Nacht, die viel zu kurz war. Der Professor mit dem zerzausten Haar klopft vorne gegen das Mikrofon. Ein dumpfes Pochen geht durch den Raum, dann ein kurzes Pfeifen aus den Lautsprechern. Er beugt sich etwas näher heran, begrüßt die Studierenden und klickt sich auf seinem Laptop in die heutige Präsentation. Narratologie in Filmen. Erzählperspektiven. Figurenrede. Begriffe stehen kurz im Raum, bevor die nächste Folie sie wieder ersetzt.
Für Peter ist der Stoff nicht neu. Einige dieser Folien hat er schon gesehen, manche Begriffe schon oft gehört. Seit fast zehn Jahren kommt er an die Uni. Als Gasthörer. Gegen einen Semesterbeitrag darf er Vorlesungen besuchen, ohne Prüfungen abzulegen und ohne auf einen Abschluss hinzuarbeiten. Stattdessen geht es ihm um das Dabeisein, um Wissen und um die Erfahrung, Teil des Hochschullebens zu sein. Im Wintersemester 2025/26 gab es laut Statistischem Bundesamt rund 36.000 Gasthörende in Deutschland, von denen Peter einer ist. Es war immer Peters Wunsch, das zu tun, was man in seinem Alter so tut. Und die, die ihn durchs Leben begleiten, haben nie daran gezweifelt, dass das möglich ist. „Peter lässt keinen Platz für Hemmungen“, sagt seine Mutter. Er ging zur Grundschule. Ins Gymnasium. Mit Schulbegleitung, ohne Noten. Jetzt geht er an die Uni.
Sein Stundenplan füllt Tage von acht, manchmal zehn Stunden. Als Gasthörer kann er sich durch verschiedene Fachbereiche probieren: Journalistik, Informatik, Jura, Lehramt. Mediensemiotik gehört zu seinen Favoriten. „Weil der Professor meinen Humor hat“, schreibt er. Persönlichkeit hat für Peter Gewicht. Er blickt zu ihm nach vorne. Hinter seiner runden Brille sind seine Augen wach, gespannt, fast unbeweglich auf den Dozenten gerichtet. Anders als die meisten der Studierenden, die auf ihren Tablets Nachrichten beantworten oder durch Online-Shops scrollen, folgt Peter jedem Satz.
Kurz ist es still. Dann beginnt es zu murmeln. Eine Hand geht nach oben, dann noch eine. Pippi, sagt eine Studentin, überschreite die Grenze, indem sie den Raum des Kindes verlasse und ein Leben führe, das eher dem eines Erwachsenen gleiche. Weitere Studierende werfen Gedanken in den Raum, ergänzen sich, diskutieren. Peter will zu seinem Handy greifen. Und lässt es dann doch.
Je länger die Debatte dauert, desto deutlicher wird, wie sehr dieser Raum beherrscht wird. Von schneller Sprache. Von lauter Sprache. Von der Fähigkeit, im richtigen Moment einzusteigen, einen Gedanken sofort auszuformulieren, sich gegen andere zu behaupten. Wer eloquent ist, wirkt intelligent. Wer schnell antwortet, wirkt kompetent. Wer sich ständig beteiligt, wird wahrgenommen. Und je länger ich lausche, desto mehr habe ich den Eindruck, dass es hier längst nicht mehr nur um ein Kinderbuch geht.

Illustration Anna Seeber
Der Professor hört sich die Antworten an und schüttelt nun den Kopf. Keine überzeugt ihn. Vielleicht, sagt er, sei nicht Pippi diejenige, die eine Grenze überschreitet. Sondern Tommy und Annika. Denn Pippi tritt nicht in eine andere Ordnung – sie ist eine andere Ordnung. Sie lebt außerhalb der Vorstellung davon, wie ein Kind zu sein hat. Sie kann sich nicht vollständig anpassen. Nicht, weil sie sich verweigert, sondern weil ihre Welt nicht anders funktioniert. Annika und Tommy können hingegen ihre Grenze verlassen und in Pippis Welt eintauchen. Dadurch wird ihr Leben größer. Nicht, weil Pippi normaler wird, sondern weil Tommy und Annika offener werden. Peter sitzt da, hört zu, versteht, denkt mit. Vorlesung für Vorlesung. Es braucht Mut, dort zu sein, wo vieles nicht auf einen zugeschnitten ist. Und noch mehr Mut, es jeden Tag wieder zu tun.
Zwischen Hörsaal und Mensa
In Peters Familie wird nicht verlangt, dass alle gleich sprechen, um gleich gehört zu werden. Er hat einen großen Bruder, zwei große Schwestern. Ob Peter mitkommt, war für sie nie eine Frage. Er war einfach dabei. „Statt Probleme zu suchen, haben wir Lösungen gefunden. Peter hat sich nie anders fühlen müssen. Für uns ist er normal. Weil er er selbst ist”, erzählt seine Schwester Hannah von ihrer gemeinsamen Kindheit.
„Wir waren gerade erst gemeinsam im Urlaub”, schreibt Peter nun auf dem Weg zum Mittagessen. Später, tippt er, würde er gerne einmal nach Florida reisen. Die Gebäude der Stadt faszinieren ihn, und er schreibt von amerikanischen Supermärkten, durch die er gern einmal schlendern würde. Kurz darauf sitzt er vor einem Essenstablett. Links ein Teller mit Schweinebraten und Klößen. Rechts Apfelstrudel in Vanillesauce. Eine kleine, freundliche Frau mit lilagefärbten Haaren hat ihm beim Tragen geholfen. Sie kennt ihn, weiß um die Feinmotorik, die Kraft in den Händen, die nicht reicht. Etwas, das sich durch den Alltag zieht. Und doch hat Peter sich Dinge erschlossen, die genau daran zu scheitern schienen, es aber nicht sind: Skifahren. Oder den Führerschein. „Obwohl keiner damit gerechnet hat“, sagt seine Mutter.

Foto Jil Laureen Harder
Das Quietschen der Kreide reißt uns aus dem Mittagstief. Peter hat nach dem Essen keine Zeit verstreichen lassen. Eine halbe Stunde war geplant, um vom Hörsaal zur Mensa zu gelangen, zu essen und zum nächsten Hörsaal zu laufen. Vorlesungen ausfallen zu lassen, kommt für ihn nicht infrage. Studieren hat Priorität.
„Weil ich immer gute Laune habe, wenn ich an der Uni sein darf”, sagt er auf dem Weg zum nächsten Vorlesungssaal.
Jetzt steht Ökonomie auf Peters Stundenplan. Seit gut einer Viertelstunde erklärt der Professor, die Augenbrauen streng zusammengezogen, wie ein Unternehmen kalkulieren muss, damit sich Arbeit lohnt. Vorne kämpft er gegen die Müdigkeit im Raum an, hinten ist der Kampf verloren. Köpfe sinken leicht nach unten. Peters Kopf nicht. Er hört sich diese Vorlesung an, weil er später mal in einem Café arbeiten möchte. Zwar schreibt er nicht von Kalkulationen, die ihn daran reizen. Sondern von einem Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Ob es funktionieren würde, weiß er nicht. „Das müsste ich ausprobieren.
Aber ich stelle mir es schön vor”, tippt er in sein Handy.
Langsam wird der Professor etwas ungeduldig. Die Antworten der Studierenden kommen ihm zu langsam, die Blicke ins Tablet dauern ihm zu lang. „Gibt es denn Fragen?“, sagt er, sehr scharf im Ton. Die Studierenden schütteln die Köpfe.
Es ist mittlerweile spät geworden, die letzten Minuten des Unitages laufen. Zwischen den angehenden Juristen sitzt Peter neben einer guten Freundin in einer Vorlesung für Baurecht. Noch vor wenigen Minuten haben sie sich unterhalten: Sie sprach, Peter tippte. Jetzt sind die Worte zwischen ihnen verstummt. Beide blicken nach vorne, aufmerksam und konzentriert, längst eingetaucht in die Diskussion über einen langen Paragrafen.
Peter wirkt glücklich, wie er es den ganzen Tag hinweg gewesen ist. Er schreibt, hätte er sich nicht an sein Schicksal gewöhnt, hätte er viele schöne Momente verpasst. Als würde das eine das andere ausschließen. Pessimismus passt nicht zu ihm. Er spricht lieber davon, dass das Leben viel zu bieten hat, wenn man es lässt. Peter strahlt in die Welt hinein. Und dieses Strahlen bleibt, auch wenn die Welt es nicht immer erwidert. Wer ihm begegnet, merkt, wie es sich weiterträgt. Zumindest dann, wenn man den Mut hat, ein bisschen mehr wie Tommy und Annika zu sein.
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Gruppe Mut-Report
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(v. l. Lea Griesbeck, Jil Laureen Harder, Jasmin Jud, Alina Seitz)



