Die Rechnung unseres Lebens

Longevity wird derzeit wie ein Allheilmittel gehandeltWerbung, Influencer:innen und vermeintliche Expert:innen beteuern, mit welchen Maßnahmen jeder lange und gesund leben kannDie Versprechen sind groß, die Evidenz noch gering. „Langlebigkeit“, wie man den Trend einfach übersetzen kann, ist komplex und nur bedingt kontrollierbar.

– Anna Seeber, Gruppe Longevity

Der genetische Bauplan = das Ablaufdatum?

Einfluss der Gene auf die Lebenserwartung. | Illustration Anna Seeber.

Eine aktuelle skandinavische Studie zeigt: Gene können zu circa 50 Prozent bestimmen, wie lange wir leben – viel mehr als bisher angenommen. Biologie beschränkt dein Alter. Sie reicht aber nicht aus, um zu sagen, wie lang du gesund leben wirstDenn: Altern ist mehr als reine DNA. LebensstilEinkommen, Bildung und Umweltbedingungen spielen auch eine RolleSo ernüchternd es ist: Ein langes Leben ist weder universell noch gerecht. Alles hat seine Grenzen. Das trifft auch auf das Altern zu – hier geht es nicht bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter. Expert:innen schätzen die aktuelle Grenze des menschlichen Lebens auf circa 120 bis 130 Jahre.

Wie wir unser Leben verlängern können

Diese Faktoren können unser Leben verlängern. | Illustration Anna Seeber.

Wie lange du lebst, kann dir niemand sagen. Vieles ist dem Zufall überlassen. Aber mit ein paar Kniffen kannst du deine Lebensspanne vielleicht verlängern. Drei Säulen sind besonders gut erforscht: Bewegung, Ernährung und Schlaf. Sie können beeinflussen, wie lang du lebst und noch wichtiger: wie du deine letzten Jahre erlebst. Agil und autonom oder krank und hilfsbedürftig. Eine Studie der Griffith University zeigt: Wer sich am Tag in einem Umfang bewegt, der circa zweieinhalb Stunden Gehen entspricht, kann seine Lebenserwartung ab 40 Jahren um etwa 5,3 Jahre erhöhen. Aber schon kleine alltägliche Entscheidungen machen den Unterschied. Treppe statt AufzugFahrrad statt Bahn.  

Langes Leben kommt zudem durch die richtige Ernährung: Iss gesund, pflanzlich und zugleich ausgewogen. Denn eine Studie der Universität Bergen zeigt: Longevity-Gamechanger sind Gemüse, Vollkornprodukte, Nüsse und der Verzicht auf rotes sowie hochverarbeitetes Fleisch. Fängst du mit 20 Jahren an, dich so zu ernähren, kannst du als Frau 10,7 Jahre und als Mann 13 Jahre an Lebenszeit herausschlagen 

Auch Teil der drei Säulen ist der Schlaf. Der sollte erholsam, fest und im Optimalfall sieben bis acht Stunden lang sein. Eine Harvard-Studie fand heraus, dass sich so die Lebenserwartung um 4,7 Jahre bei Männern und 2,4 Jahre bei Frauen steigern kannNatürlich ist die Rechnung nicht so einfach. Die Zahlen zeigen aber, was möglich ist.  

Was du für Longevity zudem nicht vernachlässigen solltest: ein erfüllendes soziales Netzwerk. Gute Freund:innen oder eine liebende Familie verlängern nicht nur das Leben, sie machen es auch deutlich angenehmer. Es ist alles eine Sache der Einstellung. Wenn du positiv auf das Altern und dein Leben blickst, ist es wahrscheinlich, dass du lange etwas davon zu hast.   

Die Forschung schätzt das aktuelle Limit menschlichen Lebens auf 120 bis 130 Jahre. | Illustration Anna Seeber.

Longevity-Trends: Nichts als falsche Wundermittel? 

Longevity-Trends versprechen ewiges Leben durch die richtigen Tools und die perfekte Routine. | Illustration Anna Seeber.

Einmal in die Longevity-Bubble auf Social Media gerutscht? Dann kommst du nicht an Trends wie Eisbaden, Rotlichttherapien, Infusionen oder Supplements vorbei. Hartmut Geiger ist Leiter des Instituts für molekulare Medizin und Alternsforscher an der Universität Ulm. Er betrachtet die Trends skeptisch: „Also jedes dieser Teile kann positive Effekte haben. Ich kann nicht sagen, dass sie negativ sind. Bislang fehlen allerdings Daten, die einen längerfristigen Gesundheitseffekt beweisen.“ Ob die Produkte ihren Hype wert sind und positive Auswirkungen auf Alterung haben, sei oft noch unklar. Das gilt besonders für Supplements – Stoffe, wie Taurin oder Spermidin. Sie werden aktuell auf Instagram und Co. beworben und sollen ein langes Leben fördern. Einzelstudien im Zusammenhang mit diesen Substanzen zeigen positive Ergebnisse, aber diese sind Geiger zufolge wenig belastbar. Es fehle an Forschung. Daher seien Nahrungsergänzungsmittel und Infusionen vor allem eines: teuer. 

Was uns Lebenszeit stiehlt 

Diese Faktoren können unser Leben verkürzen. | Illustration Anna Seeber.

Es ist simpel: Tue Gutes, vermeide SchlechtesManche Parameter verlängern, andere verkürzen das Leben. Forschende des deutschen Krebsforschungszentrums ermittelten in einer Studie die Auswirkungen verschiedener FaktorenRauchen befördert dich direkt in den Minusbereich. Rauchst du mehr als zehn Zigaretten am Tag und bist dazu männlich? Dann verlierst du im Schnitt 9,4 Jahre. Bei Frauen sind es 7,4 Jahre. Du rauchst weniger? Prima. Aber auch hier verlierst du etwa fünf Jahre. 

Schaust du regelmäßig zu tief ins Glas, sind schnell drei Jahre weg. Durch Adipositas verlieren Männer und Frauen ebenso drei Jahre Lebenszeit. Auch Untergewicht, also ein BMI geringer als 22,5 kg/m2, schadet. Als Mann büßt du 3,5 Jahre und als Frau 2,1 Jahre ein.  

Rotes Fleisch im Übermaß stiehlt Männern 1,4 und Frauen sogar 2,4 Lebensjahre. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt deshalb nicht mehr als 300 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche. Hast du dich beim Lesen in vielen Punkten wiedererkannt? Dann aufgepasst: Wenn dein Lebensstil ein einziges Bündel dieser Faktoren ist, verlierst du als Mann etwa 17 Jahre und als Frau im Schnitt 13,9 Jahre an Lebenszeit. 

Lebensstil ist aber mehr als das. Was schwer vorstellbar klingt, ist dennoch wahr: „Einsamkeit ist schädlicher als Rauchen." Nicht nur physischer, sondern auch psychischer Stress belastet. Eine europäische Langzeitstudie zeigt: Dein Risiko, früh zu sterben, steigt bei Einsamkeit um 14 Prozent, beim Alleinleben um 21 und bei sozialer Isolation sogar um 35 Prozent an. Sicher ist: Du kannst nicht alles kontrollieren, aber manches liegt nur in deiner Hand.

Gesund altern – eine Frage des Geldes

Das Einkommen bestimmt die Lebenserwartung. | Illustration Anna Seeber.

Eine gesunde Lebensweise ist wichtig. Aber nicht jeder kann sie sich leisten. Zumindest hat nicht jeder die gleichen Voraussetzungen dafür. Eine Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) legt nahe, dass Gesundheit und Lebenserwartung vom Einkommen abhängen. Dafür wurde die Bevölkerung in fünf Einkommensgruppen unterteilt. Frauen der niedrigsten Einkommensgruppe hatten eine mittlere Lebenserwartung von 78,4 Jahren. Bei Männern betrug sie 71 Jahre. Frauen in der höchsten Einkommensklasse wiederum leben voraussichtlich 82,8 und Männer 79,6 Jahre – ein Unterschied von 4,4 bis 8,6 Jahren je nach Geschlecht. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Oft heißen sie jedoch: Bildung, Wohnen und Arbeiten. Diese Faktoren sind von Mensch zu Mensch, aber auch von Region zu Region verschieden

Fabian Tetzlaff forscht zu Altern und sozialer Ungleichheit am RKIIn sozioökonomisch benachteiligten Regionen, die im Bundesvergleich eingeschränktere Einkommens- und Erwerbschancen aufweisen, dominieren bestimmte Mortalitätsmuster." Gewisse Krankheiten, wie Krebs oder Diabetes, treten vermehrt dort auf, wo die Menschen weniger haben. Oft fehle das Wissen über Gesundheit oder die finanziellen Mittel, um sich beispielsweise eine gesunde und ausgewogene Ernährung leisten zu können. Um Langlebigkeit gerechter zu gestalten, müsse die allgemeine Gesundheitskompetenz gestärkt werden. Tetzlaff denkt, Gesundheit solle Teil aller Politikfelder sein. Sie dürfe nie von Arbeit und Sozialem getrennt betrachtet werden. Sein Credo: Langlebigkeit sollte nicht nur eine individuelle, sondern vor allem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein.  

Stimmen aus der Forschung 

Prof. Dr. Hartmut Geiger – Alternsforscher der Universität Ulm | Foto: Hartmut Geiger

Wodurch erreichen wir wirklich Longevity?

„Wenn Sie sich einigermaßen vernünftig bewegen, zum Beispiel um die 5.000 Schritte am Tag, kann man klar zeigen, dass Menschen im Alter gesünder sind. Dazu kommen soziale Kontakte, ausreichender Schlaf und eine ausgewogene Ernährung. Das sind Dinge, die belastbar sind.“ 

Würden Sie in Longevity-Trends investieren?

„Das sind eher von sozialen Medien getriebene Trends als wissenschaftlich fundierte Dinge. Bei den meisten Trendprodukten ist das Geld wahrscheinlich in den Sand gesetzt. Investieren Sie lieber in gute soziale Kontakte. Kaufen Sie sich ein Bahnticket und besuchen Sie Ihre Freunde, da haben Sie aktuell mehr davon.“ 

Wie sieht die Zukunft der Alternsforschung aus?

„Es ist realistisch zu denken, dass man Alterungsprozesse biologisch beeinflussen kann. Das ist kein Humbug – die Frage ist eher, wann es soweit ist und wer die beste Lösung findet.“

Dr. Fabian Tetzlaff – Demograf am Robert Koch-Institut | Foto: Fabian Tetzlaff

Wie wissenschaftlich ist der Longevity-Begriff eigentlich?

Das, was aktuell allgemein unter Longevity verstanden wird, ist oft eher ein Gesundheitstrend. In der Forschung meint Longevity aus demografischer Perspektive etwas anderes – nämlich die Entwicklung der Altersstruktur in der Bevölkerung hin zu mehr Personen in sehr hohem Alter und den gleichzeitigen Anstieg der Lebenserwartung." 

Warum ist Longevity eine soziale Frage?

„Diejenigen, die diesen Trends folgen können, brauchen das entsprechende Kapital und die RessourcenEs fällt ihnen leichter, sich gesundheitsförderlich zu verhalten. Gleichzeitig erreichen neue Gesundheitstrends vor allem Menschen, die ohnehin schon dafür empfänglich sind – also eher Personen mit höherem sozioökonomischem Status. Präventive Maßnahmen, die direkt beim Individuum ansetzen, können die gesundheitliche Ungleichheit vergrößern.

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Gruppe Longevity

Altern ist ein Thema, das uns alle betrifft. Etwas, was unaufhaltbar ist. Manche versuchen es trotzdem. Beim Trend Longevity geht es genau darum. Routinen und Produkte sollen die gesunden Lebensjahre verlängern. In vier Formaten zeigen wir, was wirklich hinter dem Hype steckt. Im Text erwarten euch Hintergründe zum Altern und dessen Grenzen. Das Video nimmt euch mit in den Alltag von Lukas Eichhammer, der sein Leben der Langlebigkeit verschrieben hat. Auditiv erzählen wir im Podcast, was hinter der Angst vorm Altern steckt, und stellen uns der Frage, wie begründet diese Furcht eigentlich ist. Auf TikTok und Instagram tauchen wir tiefer in den Ursprung von Longevity ein. Wir zeigen den Kommerz und die Community hinter dem Trend. Hier erfahrt ihr auch, woher das Bedürfnis nach einem langen Leben kommt. 

(v. l. Anna Seeber, Nina Wanninger, Veronika Bigler und Nina Zarges)