NACKT IM NETZ:

Feminismus oder doch moderne Prostitution?

Aus datenschutzrechtlichen Gründen benötigt YouTube Ihre Einwilligung um geladen zu werden.
Akzeptieren

Die Plattform OnlyFans hat besonders in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Hier bieten vorwiegend junge Frauen exklusive erotische Einblicke in ihre Intimsphäre, für die Nutzer*innen bereitwillig zahlen. Was der einen Person Vergnügen bereitet, bedeutet für die Creatorinnen harte Arbeit. So wie auch für Lucy.

OnlyFans Creatorin Lucy Foto: Lucy
OnlyFans Creatorin Lucy Foto: Lucy

Von Lara Lattek, Nathalie Pyka und Eliska Kordová

Sie trägt einen weit ausgeschnittenen grauen Sport-BH, ihr langes rotes Haar ist zu einem hochgesteckten Zopf zurückgebunden. Ihre Fans kennen sie unter dem Namen Lucy. Ihr echter Name soll zu ihrem eigenen Schutz und dem ihres Kindes geheim bleiben. Die 22-Jährige sitzt in ihrem Bett. Ihr Schlafzimmer ist gleichzeitig ihr Arbeitsplatz. Unbekümmert erzählt sie: „Nachdem ich mein Kind am Morgen zur Tagesmutti gebracht habe, beginnt mein Arbeitstag.“

Und dieser startet für die junge Creatorin mit dem Griff zum Handy. Sobald sie auf das tiefblaue OnlyFans-Logo klickt, auf dem die stilisierten Buchstaben „O“ und „F“ aneinander geklebt eine Art geflügeltes Rad bilden, öffnen sich die Chats ihrer Kund*innen.

Mit einigen hatte sie schon am Vorabend geschrieben. Sie hatten Lucy ihre Wünsche geschildert. Die häufigsten Anfragen umfassen laut Lucy Nacktbilder und Videos, in denen sie bestimmte erotische Vorstellungen von Abonnent*innen umsetzen soll. Es komme auch vor, dass Kund*innen spezifische Wünsche, wie Fußbilder, äußern. Vergleichsweise passiere dies jedoch selten. In anderen Chats, in denen sie noch keine expliziten Aufträge erhalten hat, fragt Lucy am Morgen nochmal nach oder macht selbst Vorschläge. Dafür greift sie auf eine Liste mit Ideen für erotischen Content zurück, die ihr ihre Managementagentur als Inspiration zur Verfügung gestellt hat. Bekommt sie an einem Tag weniger Aufträge, produziert sie Bilder und Videos für die kommenden Tage und Wochen vor.

Doch nicht jeder Tag verläuft für Lucy so harmonisch und strukturiert. Sich den Nachmittag und Abend komplett freizuhalten, beschreibt den Idealfall. Nicht selten leidet die für ihren Sohn fest eingeplante freie Zeit unter ihrem Berufsalltag. Vor allem an den Wochenenden und in den Wintermonaten bekomme sie deutlich mehr Nachrichten und Aufträge. „Manchmal sitze ich acht bis zehn Stunden am Handy, weil ich im Kontakt mit Kunden sein muss, mit denen ich chatte.“ Der Kontakt zu den Fans spielt eine entscheidende Rolle, da sie mehr im Chat verkauft als über den reinen Feed. Die Abonnent*innen sind dabei allerdings nicht mit einfachem Smalltalk zufrieden zu stellen. Einige schreiben ihr direkt und sehr genau, was sie von ihr sehen wollen. Dann kommen Nachrichten wie: „Hey, schick mir ein Bild von deinen Brüsten.“ Viele sind jedoch mehr daran interessiert, durch regelmäßiges Schreiben eine persönliche Bindung zu Lucy aufzubauen, was wesentlich zeitintensiver ist. Solange die Kund*innen ihr dabei respektvoll begegnen, sagt Lucy, sei sie mit ihnen gerne im Kontakt. Dies sei jedoch nicht immer der Fall, erzählt sie ernst. Erst vor kurzem habe sie einem Kunden ein individuelles Wunschvideo zugesandt. Er bemängelte, dass das Video nicht im Querformat aufgenommen worden sei, dies wurde aber nicht explizit vereinbart. Der Kunde beleidigte sie und forderte sogar das Geld zurück. „Das Respektloseste für mich ist, wenn jemand am Preis verhandeln will“, klagt Lucy. Die Verärgerung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Immer wieder kontaktieren sie despektierliche Kund*innen, die kein Verständnis zeigen und Lucy bedrängen. Sie betont die unglaubliche mentale Belastung, der man durch den Kontakt mit solchen Menschen ausgesetzt ist.

Die erotischen Bilder und Videos, die Lucy produziert, können Nutzer*innen der Plattform gegen einen monatlichen Abonnementpreis kaufen. Den Preis für ein Abo zwischen 4,99 US-Dollar (circa 4,44 Euro) und 49,99 US-Dollar (circa 44,45 Euro) pro Monat können die Creator*innen dabei selbst festlegen. Ein Abo für Lucys Content kostet 10 US-Dollar (circa 8,90 Euro).

Lucy arbeitet seit fast zwei Jahren hauptberuflich als OnlyFans-Creatorin. Trotz Herausforderungen ist OnlyFans-Model zu sein ihr Traumberuf. Das, was sie immer machen wollte. Schon früh hat sie angefangen, sexuelle Erfahrungen zu sammeln und ist damit auch immer offen umgegangen. „Während meiner Schulzeit verschickte ich gerne gewisse Bilder an gewisse Freunde über Instagram und Snapchat.“ Ihre Überlegung war es: Wenn sie bereits solche Inhalte für Freunde erstellt, warum sollte sie damit nicht ihr Geld verdienen? Aufgrund ihres lockeren Umgangs mit ihrer Sexualität lag ihre Hemmschwelle, in dieses Geschäft einzusteigen, entsprechend niedrig.

Neben Lucy entscheiden sich immer mehr junge Menschen, ihr Geld durch die Vermarktung ihres Körpers zu verdienen.Inzwischen sind mehr als drei Millionen Content-Creator*innen bei OnlyFans angemeldet. Im vergangenen Jahr stieg die Anzahl enorm – und zwar um fast 40 Prozent. Die Kritik: Der vermeintliche Selbstbestimmungsanspruch der Plattform lässt Raum für Interpretationen, wie weit Creator*innen bereit sind zu gehen. Die Grenzen zwischen Freiheit und Zwang verlaufen dadurch oft fließend.

Deshalb ist es als Creator*in oft schwierig, eine klare Trennlinie zwischen Privat- und Berufsleben zu ziehen. Lucy hat jedoch einen Weg gefunden, damit umzugehen. Sie entwickelte zwei Persönlichkeiten: „Auf OnlyFans heiße ich Lucy. Lucy verkörpert einen ganz eigenen Lebensstil. Meine Privatperson ist eine andere. Mittlerweile kann ich das sehr gut trennen.“ In ihrem Privatleben erfüllt sie unter anderem die Rolle einer Mutter. Die Identität, die sie für OnlyFans geschaffen hat, ist keine Mutter. Damit ihre Kund*innen nicht hinterfragen, warum Lucy nachmittags nicht mehr erreichbar ist, dichtete Lucy ihrem OnlyFans-Ego einen Teilzeitjob an. Auf diese Art und Weise hat sie sich freie Zeit für ihr Kind eingeräumt, die bestenfalls nicht mit ihrem Berufsleben kollidiert.

Zu OnlyFans gehört auch der Mythos, dass die App ein Ort für „leicht verdientes Geld“ sei. „Jedes Mädchen mit Schulden sagt: ‚Dann mach ich halt OnlyFans und hole das wieder raus´“, erzählt Lucy. Der genervte Unterton in ihrer Stimme ist dabei kaum zu überhören. Sie kritisiert, dass OnlyFans viel zu oft auf die leichte Schulter genommen werde. „Keiner sieht, wieviel Arbeit das erfordert.“ Die Produktion, Planung und das Posten von Videos sowie das Aufbauen und Pflegen von Reichweite auf Plattformen wie TikTok und Instagram erfordern viel Zeit und Aufwand.

Lucy hat am eigenen Leib erfahren, wie sehr das Ganze auf die Psyche schlagen kann. „Als ich damals angefangen habe, hatte ich bereits nach drei Wochen einen kleinen Mental Breakdown und dachte, ich lass das jetzt, weil das für mich zu viel war.“ Deutlich schockiert erzählt sie von der Menge an Nachrichten, in denen gefordert wurde, dass sie permanent die anzüglichen Bedürfnisse ihrer Fans befriedigen soll. Sie habe anfangs das Gefühl gehabt, sie müsse jede Sekunde am Tag abrufbereit sein. „Das hat mich damals sehr gestresst.“, erinnert sich Lucy.

Inzwischen arbeitet Lucy mit einer Agentur zusammen, die sie unterstützt und mit Rat zur Seite steht. Ohne diese Agentur würde sie das heute nicht mehr machen, erzählt sie mit einem befreiten Lächeln. Lucy hat nämlich Glück. „Ich bin dankbar für meine Management-Agentur. Ich fühle mich sehr wohl damit“, erzählt sie fröhlich. Denn die wenigsten OnlyFans-Creator*innen, die bei Agenturen unter Vertrag stehen, können sich darauf verlassen, dass ihre Interessen seriös vertreten werden. Zwielichtige Management-Agenturen, die junge Creator*innen ausbeuten und einzig und allein auf das schnelle Geld aus sind, gibt es inzwischen wie Sand am Meer.

Lucy erzählt, dass ihr auf OnlyFans oft Menschen mit absurden Vorlieben schreiben. Während sie spricht, schwingt eine gewisse Ernsthaftigkeit in ihrer Stimme mit. Schnell wird deutlich, wie sehr sie das belastet. Schockiert berichtet sie von einem Fall, in dem ein Mann ein sehr jung aussehendes Vorbild hatte, und Lucy aufforderte, dies nachzustellen. „Ich habe daraufhin die Person wegen Kindeswohlgefährdung gemeldet.“

Nicht selten kommt es vor, dass vor allem Männer Lucy nach einem persönlichen Treffen fragen. Obwohl sie persönliche Treffen ablehnt, fragen sie immer wieder danach und lassen nicht locker. „Da wird viel bedrängt. Oft kommen Fragen wie: ‚Wenn ich dir was für 300 Euro abkaufe, können wir uns dann treffen?´ Diese penetranten Nachfragen belasten mich schon manchmal“, berichtet Lucy, während sie genervt mit den Augen rollt. Ebenfalls problematisch für Lucy sind Männer, die eine „Girlfriend-Experience” wollen, also das Gefühl, mit ihr in einer Beziehung zu sein. „Der Kunde tut so, als wäre ich seine Freundin und er erwartet, dass ich mich so verhalte und gibt mir dementsprechend Anweisungen.“ Diese Art von Kundenbeziehung schildert Lucy als besonders fordernd und anstrengend, da erwartet werde, dass sie permanent erreichbar ist.

Zusätzlich muss Lucy mit Vorurteilen und Stigmata umgehen, die mit ihrem Beruf als OnlyFans-Darstellerin einhergehen. „Sobald es heißt, du machst OnlyFans, wird man gleich als Schlampe abgestempelt“, erzählt Lucy nüchtern.

Trotz allem kann Lucy sich nicht vorstellen, beruflich etwas anderes zu machen. „OnlyFans-Creatorin zu sein, macht mir Spaß“, erzählt sie entschlossen, obgleich Frauen wie Lucy sich tagtäglich mit negativen Kommentaren auseinandersetzen müssen. Sie zielen meistens auf ihre körperliche Erscheinung oder andere persönliche Eigenschaften ab.

Social Media Consultant Bano Diop, der bereits mit einige OnlyFanscreator*innen und Agenturen zusammengearbeitet hat, appelliert: „Überleg‘ dir von Anfang an deine Grenzen, den Bereich, in dem du tätig sein willst, und vor allem, was für Content für dich okay ist.“ Er sagt, der Fehler sei, dass viele Menschen nur an die Gegenwart denken würden, nicht an die Langfristigkeit. Und gerade bezüglich der Art von Content wüssten die wenigsten Leute, wo ihre Comfortzone liege.

Lucy setzt klare Grenzen: „Alles mit Urin, Ausscheidungen und jungen Menschen lehne ich ab.“ Sie sagt, man müsse schauen, dass man das, was man macht, mit sich selbst vertreten könne. „Zum Beispiel hat mir ein Kunde einmal super viel Geld geboten, dass ich einen Slip zehn Tage trage und ihm dann schicke. Das ist ein NoGo, einfach ekelig und unhygienisch. Deswegen habe ich es abgelehnt.“ Trotzdem gibt es Dinge, die Lucy normalerweise nicht tun würde, aber bei denen sie kompromissbereit wäre, wenn sie genug Geld bekäme: „Ich befriedige mich nicht gerne mit den Händen, sondern nur mit Toys. Wenn ein Kunde aber danach fragen würde, könnte ich mir vorstellen, einen Kompromiss einzugehen.“ Auch differenziert sie: „Eine Freundin von mir verdient Zehn- bis Zwanzigtausend Euro, aber verkauft sich billig und das würde ich nicht tun. Ich hebe lieber den Preis, mache weniger Gewinn, aber kann nachts ruhig schlafen.“ Bano Diop sieht besonders die Gefahr darin, dass man sich selbst verliert: „Es geht ja gerade darum, dass man sich zum Teil objektifiziert und von seiner eigenen Persönlichkeit komplett weggeht.“ Vor allem, wenn die Figur, die man online darstelle, von allen geliebt werde.

Eine gewisse Abgeklärtheit und ein gesundes Selbstwertgefühl spielen eine entscheidende Rolle, um die Herausforderungen als OnlyFans-Creator*in zu bewältigen. „Ich bin mit starkem Selbstbewusstsein in die OnlyFanssache reingegangen und dadurch noch selbstbewusster geworden. Aber wenn ich überlege, wenn ich das früher getan hätte, als ich noch mehr Komplexe hatte, ich wäre in Depressionen versunken“, ist sie sich sicher. Deshalb betont sie, dass es völlig normal sei, dass jeder Körper unterschiedlich aussieht. „Wenn du Selbstzweifel hast: Lass es bitte!“ Man bekomme nämlich viele negative Kommentare. „Entweder macht das einen fertig oder nur stärker.“ Bano Diop findet, über solche Konflikte, denen junge Menschen auf OnlyFans ausgesetzt sind, müsse viel mehr gesprochen werden: „Ich kenne sehr viele Creator*innen, die in Depressionen verfallen sind, obgleich sie sehr viel verdienen und obgleich sie sehr erfolgreich sind.“

Lucy erhält Unterstützung von verschiedenen Seiten. An ihr Management kann sie Aufgaben wie Chatten und Planung abgeben und hat so mehr Zeit für ihr Kind und ihre persönlichen Bedürfnisse. Für den Aufwand nimmt Lucys Agentur 50 Prozent ihres Verdienstes. Einen Preis, den sie für ihre persönliche Freizeitgestaltung gerne bereit ist zu zahlen. „Am Anfang habe ich alles komplett selbst gemacht. Da ging meine Nacht dann bis morgens um drei und um sieben musste ich schon wieder aufstehen wegen meinem Sohn.“ Das war keine leichte Zeit für sie. Einen zum Großteil geregelten Alltag wie heute hatte sie damals nicht. Die Überforderung, mit der sie konfrontiert war, ist deutlich aus ihrer Stimme herauszuhören. Inzwischen wirkt ihr Leben geordnet, zumindest an den meisten Tagen.

Um kurz vor vier legt Lucy ihr Handy zur Seite. Sie schminkt sich ab, tauscht aufreizende Dessous gegen alltagstaugliche Unterwäsche und zieht sich weiter an. Sie verlässt die Wohnung, um ihren Sohn von der Tagesmutter abzuholen. Von nun an stehen nicht mehr die Wünsche der Kund*innen, sondern die Zeit mit ihrem Sohn an erster Stelle. „Ich versuche immer, die Nachmittage und Abende für mein Kind freizuhalten.“ Meistens funktioniert das auch. Lediglich bevor sie ins Bett geht, scrollt sie nochmal durch die Nachrichten auf ihrem Handy, um planen zu können, auf welche Aufträge sie sich am nächsten Tag einstellen muss.