Mission Ernährung: Wie funktioniert die Verpflegung der Bundeswehr?

„Eine Armee marschiert auf ihrem Magen“, soll schon Napoleon gesagt haben. Leistungsfähigkeit ist zentral für Soldat:innen bei der Bundeswehr und entsteht nicht zuletzt durch eine ausreichende und ausgewogene Ernährung. Wie das gesteuert wird, damit beschäftigt sich das Verpflegungsamt der Bundeswehr. Die Verpflegung muss jederzeit und weltweit funktionieren – in der Kaserne in Deutschland ebenso wie im Einsatz tausende Kilometer entfernt.

– Carla Nyweide, Gruppe Hunger

Die ersten Soldat:innen strömen in die Truppenküche des Versorgungsbataillons 4 in Roding in der Oberpfalz. Die Masse wirkt homogen: Die Soldat:innen tragen den Feldanzug mit braun-grünem Flecktarn und braune oder schwarze Kampfstiefel. Auf den Oberarmen die eingestickte Bundesflagge, auf den Schultern das Dienstgradabzeichen. Es ist 11:00 Uhr. Sie reihen sich links in die Schlange zur Essensausgabe ein. An Buffet-Theken gibt es Salat und Obst, der Hauptgang wird vom zivilen Küchenpersonal frisch aufgefüllt. Oberstabsfeldwebel Franz Weber und Stabsfeldwebel Stefan Reiter nehmen die Nudeln mit Schinken-Sahne-Sauce. Die beiden heißen eigentlich anders. Die Vor- und Nachnamen aller Angehörigen der Bundeswehr wurden geändert. So fordert es die Bundeswehr aus Sicherheitsgründen.

Mittagessen in der Truppenküche in Roding | Foto Carla Nyweide

Die Nudeln mit Schinken-Sahne-Sauce gibt es heute in allen Truppenküchen, deutschlandweit. Das wird 705 Kilometer entfernt von Roding entschieden: im Verpflegungsamt der Bundeswehr im niedersächsischen Oldenburg. Früher sei das Amt umgangssprachlich Wurst- und Käseamt genannt worden, erzählt Jesper Mensing während der Führung durch die Regionalausstellung Verpflegung. Er ist der Sammlungsleiter. Das Verpflegungsamt gibt den Verpflegungsplan vor, alle 13 Wochen wiederholt er sich. Ein Team aus Ökotropholog:innen, Diätassistent:innen, Küchenmeister:innen und Köch:innen plant die Verpflegung. Ziel ist eine leistungsfähige Truppe: Deshalb muss die Verpflegung bedarfsgerecht und gesundheitsfördernd sein. Jedem Bundeswehrstandort wird eine der vier Energiestufen zugeteilt, zwischen 2.200 und 3.600 Kilokalorien sind angesetzt. Wer an der Universität der Bundeswehr beschäftigt ist, braucht etwa weniger als ein Heeresbergführer. „Die haben einen ganz anderen, höheren körperlichen Anspruch“, sagt Mensing. Die Standortärzt:innen legen den Kalorienbedarf fest. Gesteuert wird die Kalorienzahl vor allem über die Sättigungsbeilage – mehr Kartoffeln, Zartweizen oder Nudeln.

Zurück im Versorgungsbataillon 4 in Roding. 4,57 Euro kostet das Mittagessen. Eine Pilzcremesuppe, bunter Salat, die Nudeln, Mousse au Chocolat, Obst, ein Kaltgetränk und Kaffee gibt es dafür. Oberstabsfeldwebel Weber und Stabsfeldwebel Reiter zahlen an der Kasse mit ihrer grünen Verpflegungskarte. Aus einzelnen Holztischen sind lange Tafeln zusammengestellt. Raumtrenner teilen den Speisesaal in kleinere Bereiche ab. Ab jetzt: 30 Minuten Mittagspause.

Zwischen der Truppenküche in Roding und der Lagerhalle der Verpflegungsgruppe liegt ein großer Platz aus rauen Betonplatten. Verschiedene militärische Fahrzeuge sind darauf abgestellt. Die Lagerhalle ist das Refugium von Hauptfeldwebel Ole Jablonski, dem Verpflegungsgruppenführer. Anders als in der Truppenküche, in der zivile Mitarbeitende kochen, wird die Verpflegung im Gelände von Soldat:innen sichergestellt. Hauptfeldwebel Jablonski kocht auf Truppenübungsplätzen, im Wald und im Einsatz.

Teil der Einsatzverpflegung, des 30-Tage-Vorrats, ist die Einpersonenpackung, kurz EPa. In einem Pappkarton, etwa so groß wie ein Schuhkarton, liegt die Ration für einen Tag. Insgesamt 4.000 bis 4.400 Kalorien sammeln sich da. Zehn verschiedene Typen gibt es: vier vegetarische, vier mit und zwei ohne Schweinefleisch. Vier dieser zehn EPa-Typen sind dehydratisiert und wiegen deshalb weniger.

EPa Typ 3 | Foto Carla Nyweide

Inhalt EPa Typ 3 | Grafik Carla Nyweide

Die Nassgerichte, wie der Bohnentopf, können in einem Wasserbad erwärmt werden. Im Rahmen moderner Aufklärung mit Wärmebildkameras kann ein warmes Essen im Gelände jedoch zum Sicherheitsrisiko werden. Die Hauptmahlzeiten sind daher auch kalt verzehrbar.

Die Lebensmittel für die Einpersonenpackungen werden von verschiedenen Unternehmen geliefert. Alle paar Jahre werden die Verträge neu vergeben. Gerade läuft die neue Ausschreibung. Die Lebensmitteltechnologin Linda Plöger, angestellt bei einem deutschen Lebensmittelunternehmen, setzt sich mit den Dokumenten zu den technischen Lieferbedingungen für die EPa auseinander. Auch Plöger heißt in Wirklichkeit anders und will anonym bleiben. Die Dokumente beschreiben, wie die einzelnen Produkte aussehen, schmecken und beschaffen sein sollen. Bohnenförmig, rösch – das heißt so viel wie knusprig und braungebacken – angenehm süß, mindestens 450 Kalorien pro 100 Gramm. Das sind die Vorgaben für die Cookies. „Als Firma, die das nicht herstellt, kannst du nicht einschätzen: ‚Ja gut, bohnenförmig? Heißt das jetzt, es soll aussehen wie eine Kaffeebohne? Oder heißt es, es soll aussehen wie eine Kidneybohne?‘“, erzählt Plöger. Der zeitliche Rahmen, von Ausschreibungsbeginn bis zur Abgabe der Muster an das Verpflegungsamt, sei eng gesteckt. Deshalb ist für die Lebensmitteltechnologin entscheidend, die Nährwerte einzuhalten und ein Produkt, das ihnen in der Firma schmeckt, zu entwickeln. Über den genauen zeitlichen Ablauf einer Ausschreibung gibt Plöger keine Auskunft. Auch in welchem Rhythmus die Einpersonenpackungen überhaupt ausgeschrieben werden, geben weder Plöger noch das Verpflegungsamt in Oldenburg preis.

Neben der schnellen Entwicklung sind auch die Anforderungen an die Haltbarkeit eine Herausforderung. Einer Lagerung für einen Monat bei über 49 Grad müssen die Produkte standhalten können, auch Schokolade. Spätestens bei 45 Grad schmilzt Vollmilchschokolade. Gerade Produkte mit einem hohen Milchfettanteil lange haltbar zu bekommen, sei schwierig, erklärt Plöger. Wenig Sauerstoff, wenig Feuchtigkeit, das sei zentral. Deshalb setzt das Unternehmen auf gefriergetrocknete Zutaten und Stickstoffbegasung beim Verpacken der Lebensmittel. Der Sauerstoff in der Verpackung wird durch Stickstoff verdrängt, damit das Fett langsamer oxidiert. So dauert es länger, bis das Produkt ranzig schmeckt.

Die eingegangenen Muster prüft eine Sensorik-Gruppe des Verpflegungsamtes. Alle Produkte, die verzehrfähig sind, also den Anforderungen der technischen Lieferbedingungen entsprechen, werden in die Vergabe der Aufträge einbezogen. Es bestehe dabei nicht der Anspruch, dass Form, Farbe und Geschmack dem Produkt des bisherigen Lieferanten entsprechen. Das Ergebnis des Prüfpanels der Sensorik-Gruppe fließe zu 50 Prozent mit in die Vergabe ein. „Die übrigen 50 Prozent macht dann der Preis aus“, erzählt Jesper Mensing vom Verpflegungsamt. Das wirtschaftlichste Angebot für ein Produkt wird angenommen.

Taktische Feldküche (TFK 250) | Foto Carla Nyweide

Zurück in der Lagerhalle der Verpflegungsgruppe in Roding bei Verpflegungsgruppenführer Jablonski. Neben der EPa zählt die Gruppenverpflegung zum Bereich der Einsatzverpflegung. Je ein Karton für Frühstück, Mittagessen, Abendessen und Getränke reicht für 20 Soldat:innen. Der Hauptfeldwebel Jablonski braucht nur Wasser und eine Feldküche, dann können Rührei oder vegetarische Bolognese zubereitet werden.

Seit Ende der 1980er-Jahre nutzt die Bundeswehr die Taktische Feldküche, kurz TFK 250. In der Lagerhalle steht ein alter Mercedes 1017A, das Trägerfahrzeug der Taktischen Feldküche. Oben auf der Pritsche bereitet eine Person die Speisen vor. Eine Treppe führt vom LKW direkt unter das Zeltdach der TFK 250. Dort kochen zwei Soldat:innen. Zwei Schnellkochtöpfe, zwei Bratpfannen und ein Backofen stehen ihnen zur Verfügung. Für 250 Soldat:innen kann Hauptfeldwebel Jablonski in der Taktischen Feldküche kochen, am besten funktionieren Schöpfgerichte. Über die Jahre wurden auch Rezepte für die Feldküche entwickelt, die es ermöglichen frisch zu kochen, also ohne die Kartons der Gruppenverpflegung. Dann sei es allerdings sportlich 250 Soldat:innen zu versorgen, sagt Verpflegungsgruppenführer Jablonski. Nicht immer ist es im Gelände möglich, dass alle Soldat:innen für die Mahlzeiten an einem Ort zusammenkommen. Dann wird das Essen in isolierte Thermoporten gefüllt und an die einzelnen Standorte verteilt.

Thermoporte Bundeswehr | Foto Carla Nyweide

Gruppenverpflegung Bundeswehr | Foto Carla Nyweide

Die Einsatzverpflegung ist für die erste Zeit eines Einsatzes gedacht, wenn Soldat:innen an Orte gehen, wo es nichts gibt – keine Küchen oder andere Verpflegungsmöglichkeiten. Zwei bis drei Wochen EPa, dann zwei Wochen Gruppenverpflegung. Das heißt: kein frisches Obst oder Gemüse, immer wieder die gleichen Mahlzeiten. Das muss geübt werden. Sowohl die Verpflegungsgruppe, die das Essen zubereitet, als auch die Soldat:innen sollen mit diesen Verpflegungsbedingungen vertraut sein. EPa im Wald beim Biwak oder Kochen in der Feldküche bei Übungen: Das ist kein Mittel zum Zweck, es ist Teil der Übung. Die Ernährung bei Übungen zeichnet sich durch Unregelmäßigkeit und Unplanbarkeit aus: „Du bist dann abhängig von den Außengegebenheiten“, sagt Hauptmann Paul Leißner, eingesetzt beim Panzerartilleriebataillon 131.

Zurück in Oldenburg in der Regionalausstellung Verpflegung bei Jesper Mensing. In einem der Ausstellungsräume sind die ABC-Maske und die ABC-Nährflüssigkeit ausgestellt. Auch die Verwendung der ABC-Nährflüssigkeit werde aufgrund der politischen Situation vermehrt geübt. ABC, das steht für atomar, biologisch, chemisch. Soldat:innen, die in solchem kontaminierten Gelände arbeiten, sind „schlimmstenfalls dem Tode geweiht“, wenn sie ihre Schutzmaske abnehmen, erzählt Jesper Mensing. Die Nährflüssigkeit kann über einen Schlauch direkt in die Maske geführt werden.

ABC-Nährflüssigkeit | Foto Carla Nyweide

ABC-Maske | Foto Carla Nyweide

Die Anforderungen an die Einsatzverpflegung haben sich geändert: Die Soldat:innen brauchen mehr Kalorien. Das beginnt beim Gewicht der Ausrüstung. Ging man früher von zehn bis 15 Kilo pro Soldat:in aus, müssen sie heute 30 bis 50 Kilo stemmen. Oberstabsfeldwebel Fred Nienburg vom Verpflegungsamt erzählt, dass Erfahrungen aus anderen Regionen der Welt im Moment deutlich zeigten, dass die bisherigen Energiestufen für den Grundbetrieb funktionieren.

„Für das, was jetzt auf uns zukommen könnte, und wo wir uns eben darauf vorbereiten, reichen die bei Weitem nicht aus und darum werden diese Energiestufen massiv erhöht.“

Die Kalorien der Einpersonenpackung, rund 4.000, reichen für den Tagesbedarf im Kampfeinsatz nicht mehr aus. Der Bedarf der doppelten Kalorienzahl steht im Raum.

Einsatzbereit bis 2029, so lautet das gesteckte Ziel des Bundesministeriums für Verteidigung. Doch was ist, wenn Einsatz, wenn Krieg ist? 20 Jahre Afghanistan, das war der letzte große Einsatz der Bundeswehr. „In Afghanistan geht keiner nach draußen auf den Wochenmarkt und sagt: ‚Ich brauche hier mal fünf Kisten Tomaten‘. Wenn wir in einem Land sind, das uns nicht vollends wohlgesonnen ist, dann lässt man sich aus Deutschland beliefern“, sagt Jesper Mensing. Zu Beginn wurden die Lebensmittel meist mit zivilen Maschinen bis nach Usbekistan geflogen, dort die Umlagerung auf Militärmaschinen. Später wurde auf den Transport mit LKW gesetzt, die Wirtschaftlichkeit forderte es. Oldenburg, Polen, Litauen, Lettland, Russland, Kasachstan, Tadschikistan – dann Afghanistan. 7.400 Kilometer, 35 Tage.

Einmal dauerte es 100 Tage. Lebensmitteltransporte werden in Oldenburg verplombt, die Ladung ist genau dokumentiert. Beim Röntgen des LKW an der russischen Grenze fiel auf: Der Fahrer hatte unbemerkt eine zusätzliche leere Europalette geladen. Er wurde in Gewahrsam genommen „und dann ist es irgendwann, irgendwo, irgendwie geklärt worden. Keiner weiß genau wie, ob da eventuell Geld geflossen ist, um ihn wieder rauszukriegen“, erzählt Jesper Mensing. Die Lebensmittel waren, 65 Tage zu spät angekommen, nicht mehr zu gebrauchen.

Im Auslandseinsatz bestehen verschiedene Möglichkeiten: Spezialisierte Unternehmen stellen Küchen, die Bundeswehr kann sich an die Küchen anderer Nationen anschließen oder eigene Küchen betreiben. Die letzte von der Bundeswehr betriebene Küche im Ausland war in Kundus, Afghanistan. In solchen Küchen kann auch ziviles Küchenpersonal aus Deutschland, dann in Uniform, arbeiten. Sobald sich ein Einsatz stabilisiert hat, sei die Infrastruktur mit der in deutschen Kasernen vergleichbar, erzählt der Verpflegungsgruppenführer Jablonski.

Truppenküche, Übung oder Einsatz – Ernährung ist immer ein entscheidender Faktor für die Erfüllung des Auftrags. Gerade im Gelände ist eine warme Mahlzeit von der Verpflegungsgruppe wichtig, erzählt Verpflegungsgruppenführer Jablonski:

„Wenn man was Ordentliches im Bauch hat, hat man auch mehr Bock.“

Ideen haben, das sei wichtig. Im Winter gibt es bei der Verpflegungsgruppe des Panzerartilleriebataillon 131 warmen Apfelsaft mit einer Prise Zimt. Hauptmann Leißner nennt das einen „Moral-Boost“ und ergänzt: „Du wirst im Gelände dankbarer für die Kleinigkeiten.“

Im letzten Raum der Regionalausstellung Verpflegung steht eine lange Tafel, an der sich die Besucher:innen nach Ende der Führung zusammensetzen können. Der Sammlungsleiter Jesper Mensing sitzt an der Stirnseite des Tisches und zieht ein Resümee: Gemeinsam essen, ob im Feld oder in der Truppenküche, das fördere die Kameradschaft und Motivation. Nettes Beisammensitzen und nur nehmen, was einem schmeckt, reiche allerdings nicht. Soldat:innen müssen sich ausreichend und ausgewogen ernähren, um leistungsfähig zu bleiben. Das sei zentral, um den Auftrag erfüllen und Deutschland verteidigen zu können, sagt  Mensing. „Ich habe als Soldatin und als Soldat den Eid geleistet, der Bundeswehr zu dienen. Und dazu gehört eben auch, meine Einsatzfähigkeit zu erhalten. Und da muss ich mich auch dementsprechend ernähren“, sagt er, ganz im Geiste von Napoleon.

Küche eines U-Boot, Regionalausstellung Verpflegung | Foto Carla Nyweide

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Gruppe Hunger

Hunger klingt eindeutig, ist es aber nicht. Zwischen Körper und Geist verändert sich dieses Gefühl je nach Situation, Druck und Umfeld. Mal wird es bewusst gesteuert, mal gerät es in den Hintergrund, mal treibt es uns an. Um besser zu verstehen, welche Rolle Hunger in unserem Alltag und in unterschiedlichen Lebensbereichen spielt, zeigen wir vier Perspektiven auf ein Körpersignal, das weit mehr ist als ein biologisches Bedürfnis. Denn Hunger entsteht zwar im Körper, wird aber von unserer Wahrnehmung, unseren Emotionen und äußeren Einflüssen mitbestimmt.

(v. l. Franziska Hamann, Carla Nyweide, Mona Gresser, Eva Mühlberger)