Unsichtbare Feinde
Der Rucksack ist ausgepackt, die Urlaubsbräune verblasst – doch manche Mitbringsel zeigen sich erst Wochen später. Günther Slesak war fünf Jahre Entwicklungshelfer in Laos, heute leitet er die Reise- und Tropenmedizin am Tropenklinikum Tübingen mit. Er erzählt von seinen Erfahrungen und davon, wie sich die Bedrohung nach Europa verschiebt.
– Roman Haas, Gruppe Mitbewohner im Menschen

Dr. Günther Slesak | © Dvořák Photograph
Vor der Küste Malaysias, im Südchinesischen Meer, liegt die Insel Tioman – ein tropisches Paradies aus Regenwald, weißen Stränden und kristallklarem Wasser, wenn man den Bildern glauben mag. Längst haben auch Reisende aus aller Welt die Schönheit der Insel für sich entdeckt, fast 270.000 Besuchende verzeichnete die 3200 Einwohner:innen Insel im Jahr 2014, laut der Tioman Development Authority (TDA). Zwischen Tauchspots, Palmenstränden und Dschungelpfaden schlängelt sich irgendwo im dichten Unterholz eine Netzpython durch die tropische Hitze. Auf der Suche nach einem kühlen Unterschlupf gelangt sie zu einem schlecht abgedichteten Wasserreservoir eines Hotels.
Wochen später erkranken Reisende aus verschiedenen Ländern an einer rätselhaften Krankheit. Sie leiden unter Fieber, Muskelschmerzen und Entzündungen. Beschwerden, die monatelang anhalten, manche sogar länger als ein Jahr. Die Fachwelt steht vor einem Rätsel. Was verbindet die Erkrankten? Erst die internationale Vernetzung von Forschenden, die Daten aus verschiedenen Ländern zusammentrugen, ließ sich schließlich die Quelle aufspüren. Die Spur führt zurück auf die kleine Insel im Südchinesischen Meer. Günther Slesak war einer der Forscher auf der Suche nach der Ursache. Der Tropenarzt erinnert sich: „Ein amerikanischer Kollege, der sich sehr intensiv mit dem Fall beschäftigt hatte, hat schließlich die entscheidende Publikation verfasst und dafür Daten aus verschiedenen Ländern zusammengetragen. So konnten wir zeigen, dass sich die Fälle auf wenige Orte beschränkten – darunter die Insel Tioman – und am Ende sogar die Quelle ausfindig machen.“
Der Erreger: ein Parasit namens Sarcocystis, der eigentlich zwischen Tieren zirkuliert und den Menschen normalerweise nicht befallen sollte. Doch über die Ausscheidungen einer Schlange gelangte der Erreger in das Wasserreservoir und damit in die Nahrungskette. Das Reservoir wurde gesichert, der Ausbruch gestoppt. Aber der Ausbruch hinterließ eine Frage, die Günther Slesak bis heute beschäftigt: Was passiert, wenn der Mensch in Gebiete vordringt, oder in Kreisläufe gerät, die eigentlich nicht für ihn bestimmt sind?
Slesak muss es wissen. Der Tropenmediziner ist seit 2025 Teil der Leitung für Reise- und Tropenmedizin am Tropenklinikum Tübingen. Fünf Jahre verbrachte er in Laos – nicht als Tourist, nicht als Forscher im klimatisierten Labor, sondern als Entwicklungshelfer in einem Provinzkrankenhaus, wo er einheimisches medizinisches Personal schulte, Laboruntersuchungen verbesserte und Krankheiten aufspürte, die niemand auf dem Zettel hatte. Was er dort erlebte, ist mehr als eine Ansammlung medizinischer Kuriositäten. Es ist eine Lektion über das, was passiert, wenn Wissen und Aufklärung fehlen.
Die vergessene Bedrohung
Sie haben keine Lobby. Keine prominenten Gesichter, die auf Benefizabenden für sie werben. Keine Pharmariesen, die Milliarden in ihre Erforschung stecken. Trotzdem befallen sie über eine Milliarde Menschen. Die Rede ist von den sogenannten „vernachlässigten Tropenkrankheiten“ (Neglected Tropical Diseases, NTDs), die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Jahren zu einer der dringlichsten, aber am wenigsten beachteten Krisen der globalen Gesundheit zählt.
1,7 Milliarden Menschen in 149 Ländern sind laut dem Deutschen Netzwerk gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTD´s) von NTDs betroffen, weitere zwei Milliarden gelten als gefährdet. Das ist mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung. Trotzdem kennen die meisten diese Krankheiten nicht.
Günther Slesak dagegen kennt sie sehr gut. Der Tropenmediziner sagt: „Die meisten Tropenerkrankungen sind keine besonderen Erkrankungen, sondern Armutserkrankungen.“ NTDs betreffen insbesondere den ärmsten Teil der Bevölkerung in ohnehin armen Ländern – Menschen, die meist keinen Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung haben, bei denen es oft auch an sauberem Trinkwasser und ausreichender Ernährung fehlt. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt es so: „Es bestehen kaum wirtschaftliche Anreize zur Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen diese Krankheiten, da die Wirtschaftskraft in den betroffenen Ländern gering ist.“
Die Weltgesundheitsorganisation hat 21 Krankheiten offiziell als NTDs klassifiziert. Diese verursachen weltweit schätzungsweise 14 Millionen sogenannte Disability-Adjusted Life Years – also durch Krankheit und vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre.
Fünf von ihnen tragen die Hauptlast: Die sogenannten „Big Five“ – lymphatische Filariose, Flussblindheit (Onchozerkose), Trachom, Bilharziose und durch Geohelminthen übertragene Darmwurmerkrankungen – sind für 90 Prozent aller NTD-Fälle verantwortlich.



Dabei wird Malaria – die mit Abstand tödlichste parasitäre Erkrankung weltweit, die jährlich für mehr als 600.000 Todesfälle verantwortlich ist – gesondert betrachtet und zählt nicht zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten (NTDs).

NTD's Verbreitungsgebiete
Was all diese Krankheiten verbindet, ist mehr als ihre geografische Verbreitung. Sie „töten“ ihre Opfer oft nicht – sie erschöpfen sie. Jahrelang. Manchmal jahrzehntelang. Günther Slesak formuliert es so: „Der Parasit, der seinen Wirt tötet, hat als Parasit versagt.“ Ein toter Wirt nützt dem Parasiten nichts, denn: Stirbt der Wirt, stirbt auch der Parasit. „Das Ziel von Parasiten ist es, sich zu vermehren und das gelingt am besten, wenn der Wirt am Leben bleibt. Gehört ein Parasit aber gar nicht in den jeweiligen Wirt hinein, kann es zu ungewöhnlichen und schweren Symptomen kommen. Das ist eigentlich nicht im Interesse des Parasiten.“. Trotzdem bleiben sie, leben mit und schwächen ihren Wirt.
Gerade deshalb bleibt der tatsächliche Schaden von NTD`s im globalen Bewusstsein häufig unsichtbar, weil sie nicht sofort für hohe Opferzahlen sorgen. 2022 benötigten 1,62 Milliarden Menschen Interventionen gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten. Aber es gibt Fortschritte. Die 2020 verabschiedete WHO-Roadmap 2021–2030 sieht vor, die Zahl der Menschen, die eine Behandlung gegen NTDs benötigen, bis 2030 um 90 Prozent zu senken. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Zahl der Menschen, die von NTDs direkt betroffen sind, seit 1990 von 1,9 Milliarden auf gut eine Milliarde im Jahr 2021 gesunken. 2023 wurden 867 Millionen Menschen gegen mindestens eine NTD behandelt. Erzielte Erfolge die unter anderem durch internationale Zusammenarbeit und Austausch entstehen. Oder dadurch, was Günther Slesak fünf Jahre lang in Laos praktiziert hat: Wissen an den Menschen zu bringen, dass die Menschen erreicht. „Denn viele Tropenkrankheiten entstünden dort, wo Aufklärung, Hygiene und medizinische Versorgung fehlen“, sagt der Tropenmediziner.
Fünf Jahre Einsatz
Die Patientin hustet Blut. Innerhalb weniger Wochen hat sie drastisch an Gewicht verloren. Sie ist erschöpft, geschwächt und kaum noch in der Lage zu arbeiten. Für die Ärzt:innen scheint die Diagnose eindeutig: Tuberkulose. Also bekommt sie eine Therapie. Dann eine zweite. Und schließlich noch eine dritte. Doch ihr Zustand verbessert sich nicht.
Was damals in dem kleinen Provinzkrankenhaus in Laos noch niemand ahnt: Nicht ein Bakterium macht die Frau krank. Es ist ein Parasit. In ihren Körper gelangte er über eine lokale Delikatesse.
Günther Slesak war fünf Jahre genau in diesem Krankenhaus, zuständig für Unterstützung und Schulung einheimischer Ärzt:innen und Pflegekräfte. Was er erlebte, brachte gelernte Theorie in den Studien in die Praxis.
In den Dörfern rund um das Krankenhaus gehörte ein Salat aus gestampften Papayas zu den beliebtesten Gerichten. Wer ihn besonders schätzte, streute rohe Flusskrebse darüber – eine lokale Delikatesse. Was für die Bewohner Alltag war, wurde für manche von ihnen zur Infektionsquelle.
Mit den Krebsen gelangte ein Parasit in den Körper: der Lungenegel Paragonimus. Er siedelt sich in der Lunge an und verursacht Symptome, die einer Tuberkulose verblüffend ähnlichsehen. Die Erkrankten husten Blut, verlieren Gewicht und werden zunehmend schwächer. Viele von ihnen erhielten deshalb wiederholt Tuberkulose-Therapien. „Mit ein paar Wurmtabletten wäre die Krankheit gut behandelbar gewesen“, erinnert sich der Tropenarzt. Doch dazu hätte das Personal vor Ort wissen müssen, wonach sie überhaupt suchten.
Aus solchen Fällen hat er eine einfache Erkenntnis gewonnen: Nicht der Parasit ist oft das größte Hindernis, sondern seine Unsichtbarkeit. Viele parasitäre Erkrankungen ließen sich mit wenigen Medikamenten behandeln – wenn sie erkannt werden. Ob das gelingt, hänge davon ab, ob die richtigen Fragen gestellt werden. Deshalb seien Bildung, Aufklärung und einfache Hygienemaßnahmen oft genauso wichtig wie die Medikamente selbst.
„Das ist das Schöne: Wenn man die Diagnose hat, kann man den Leuten eigentlich ganz einfach helfen“, sagt der Tübinger Mediziner.
Das große Malaria-Missverständnis
In dem Krankenhaus in Laos galt ein Gesetz, das kein Gesetz war, aber trotzdem alles regelte: Wer Fieber hatte, hatte Malaria. Diagnose fertig. Therapie verschrieben. Slesak beschreibt es so: „Jeder Fieberpatient hatte mehr oder weniger Malaria, das war die gängige Annahme. Im ersten Jahr, in dem ich dort war, habe ich das selbst auch geglaubt.“ Doch mit der Zeit kamen ihm Zweifel auf, denn Erkrankte wurden ohne Therapie wieder gesund, was bei Malaria nicht der Fall sein kann. Er begann, die Laborausstriche selbst zu prüfen. Mit Hilfe des einheimischen Personals und in Kooperation mit Kollegen aus Laos‘ Hauptstadt Vientiane begann er Blutproben systematisch auszuwerten.
„So konnten wir schließlich herausfinden, um welche Erkrankungen es sich wirklich handelte. Jahrzehntelang wurde falsch behandelt, weil man fälschlicherweise von Malaria ausging – tatsächlich steckten ganz andere Krankheiten dahinter“, erzählt der Entwicklungshelfer, etwa die Japanische Enzephalitis, bakterielle Infektionen oder Viruserkrankungen.
Manchmal führten diese Entdeckungen auch ins ganz Unerwartete. Gemeinsam mit einheimischen Kolleg:innen spürte Slesak Fälle von Darmverschlüssen auf, die niemand erklären konnte – ausgelöst durch wilde, unreife Bananen, die mangelernährte Feldarbeiter in der Erntezeit aßen.
Veränderte Spielregeln
Noch vor wenigen Jahren galt Sansibar in der Reisemedizin als unkritisch. Kaum Malaria, kaum Risiko, keine Prophylaxe nötig. Slesak erinnert sich gut: „Mein früherer Chef, der hätte gesagt: ‚Sansibar, da braucht man nie Prophylaxe.‘“ Das hat sich geändert. Weil die Malariafälle auf der Insel vor Tansania seit 2022 kontinuierlich zunehmen, stuft das Auswärtige Amt sie inzwischen als ganzjähriges Malariarisikogebiet ein. In den vergangenen Saisons behandelte Slesaks Team in Tübingen mehrere Patient:innen aus Tansania – Tourist:innen, die keine Malaria Prophylaxe eingenommen hatten und schwer erkrankten.
Intensivere Regenzeiten, veränderte Übertragungswege und ein Erreger, der die Spielregeln neu schreibt: die Stechmücke Anopheles stephensi. Ursprünglich kommt sie aus Asien, ist inzwischen bis nach Subsahara-Afrika vorgedrungen und verändert dort alles, was Reisende bisher über Mückenschutz wussten.
„Sie hat tatsächlich ein anderes Stech- und Brutverhalten. Sie ist viel besser an Städte angepasst und kann längere Trockenzeiten überstehen“, sagt Slesak. Früher galt: Mückenschutz ab Einbruch der Dunkelheit, Moskitonetz über dem Bett – fertig. „Das funktioniert jetzt nicht mehr so“, sagt der Tropenmediziner. Diese Mücke sticht bereits in den frühen Abendstunden, wenn Menschen noch draußen sitzen, essen, den Sonnenuntergang genießen.
Doch nicht nur Tourist:innen unterschätzen das Risiko. Es gibt eine Gruppe, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt – und die dem Arzt zufolge besonders gefährdet ist: Migrant:innen, die nach Jahren in Deutschland ihre afrikanischen Heimatländer besuchen.
Wer in einem Malariagebiet aufgewachsen ist, hat sich über Jahre eine Teilimmunität aufgebaut. Der Körper kennt den Erreger, hält ihn in Schach. Doch diese Immunität schwindet – schleichend und unbemerkt. Nach wenigen Monaten bis Jahre in Deutschland ist sie oft vollständig verschwunden.
„Dass sie genauso gefährdet sind wie wir, haben diejenigen nicht im Hinterkopf. Sie denken, es wäre wie früher mit ein bisschen Fieber getan“, erzählt Slesak.
Schwierig wird es dann, wenn weder der Betroffene noch der Hausarzt an Malaria denken. „Daran zu denken, zu fragen, ob ein Patient im Ausland war, das hat der Hausarzt manchmal nicht auf dem Schirm.“ Irgendwann, sagt Slesak, ist es halt dann zu spät zum Behandeln.
Malaria ist nicht die einzige Krankheit, die sich verändert und näher rückt. Wer glaubt, Tropenkrankheiten seien ein Problem anderer Kontinente, wird spätestens im Blick ins Elsass in Frankreich vom Besseren belehrt.
Chikungunya im Elsass – und was das für uns bedeutet
Chikungunya hat Europa erreicht. Ähnlich wie das Dengue-Fieber wird es durch Tigermücken übertragen. Viren lösen starke Gelenkschmerzen und heftiges Fieber aus. Slesak beschreibt zuletzt fast 800 Fälle in Frankreich und rund 300 in Italien. Im Elsass, wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, gab es laut Slesak bereits einen lokal erworbenen Fall.
Das Muster ist dabei immer gleich: Reisende aus stark betroffenen Gebieten wie Südostasien oder Mittel und Südamerika bringen den Erreger mit. Vor Ort sticht eine infizierte Tigermücke einen gesunden Menschen. Wird dieser erkrankte Mensch von einer europäischen Tigermücke gestochen, verbreitet sich dieser Virus in der europäischen Mückenpopulation. Der Reisemediziner sagt: „Wenn dann Erkrankte gestochen werden, verbreitet sich der Erreger sehr schnell auch in der Mückenpopulation und kann vor Ort einen Ausbruch auslösen.“ Slesak erklärt die Ausbrüche in Frankreich unter anderem mit den Verbindungen zu den französischen Überseegebieten wie La Réunion: Kommt es dort zu größeren Ausbrüchen, bringen viele französische Tourist:innen die Erreger in der Sommerzeit mit zurück nach Frankreich. Deutschland hat vergleichbare Verbindungen in dieser Form nicht. Doch die Tigermücke Aedes albopictus hat sich inzwischen bis ins Rheintal ausgebreitet und findet dort zunehmend geeignete Bedingungen.

Das Dengue-Fieber hingegen braucht höhere Temperaturen als Deutschland derzeit bietet. Begrenzte Ausbrüche in Sommern mit anhaltender Hitze hält Slesak aber für zunehmend wahrscheinlich: „Da kann es schon zu begrenzten Ausbrüchen kommen in der Sommerzeit, wo es ausreicht, dass die Mücken sich vermehren können“, sagt der Experte. Das alles ist kein Zufall und auch keine Neuheit. Wer in die Geschichte schaut, erkennt ein bekanntes Muster.
Was viele nicht wissen: Malaria und Dengue sind keine rein tropischen Phänomene – sie waren einmal auch in Europa zu Hause. Vor über 100 Jahren gab es Malaria bis hoch an die Nordsee, Dengue-Ausbrüche in Griechenland. Verschwunden sind sie nicht, weil der Erreger besiegt wurde, sondern weil man Sümpfe trockenlegte und die Mücke somit aus dem Lebensraum verdrängt wurde. Heute schaffen wärmere Sommer, mildere Winter und veränderte Landschaften wieder günstigere Bedingungen für Mücken und damit auch für die Erreger, die sie tragen. Das bedeutet laut dem Tropenmediziner noch nicht, dass Malaria morgen in deutschen Vorgärten auftaucht. Aber es bedeutet, dass der Puffer, der uns jahrzehntelang geschützt hat, dünner wird.
Prävention ist keine Panikmache
Die gute Nachricht zuerst: Wer in Deutschland lebt, ist gut geschützt. Sauberes Trinkwasser, funktionierende Kanalisation, medizinische Versorgung auf hohem Niveau – das sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern Strukturen, die die meisten Tropenkrankheiten nicht Fuß fassen lassen. Günther Slesak ist kein Panikmacher. Er ist jemand, der die Dinge so sieht, wie sie sind.
Und so wie sie sind, brauche es vor allem eines: Aufmerksamkeit.
Für Reisende empfiehlt Slesak: Mückenschutz konsequent anwenden – nicht nur nachts, sondern auch in den Abendstunden. Nichts Rohes essen, was man nicht kennt. Nur sicheres oder abgekochtes Wasser trinken. Und vor allem dem Arzt nach der Reise aktiv sagen, wo man war. Slesak sagt, „Wenn man nach der Reise Beschwerden hat, muss man dem Arzt aktiv sagen, dass man im Ausland war. Sonst denkt kein Hausarzt daran.“ Ein simpler Satz könne so im Zweifel eine lebensbedrohliche Fehldiagnose verhindern.
Wer in Malariagebiete reist, sollte sich vorher beraten lassen – nicht pauschal, sondern konkret. Denn was vor fünf Jahren noch galt, gilt heute vielleicht nicht mehr. Sansibar hat das gezeigt. Komplizierter wird es dort, wo Strukturen fehlen. Kriege, Unruhen, wirtschaftlicher Zusammenbruch – sie alle sind laut Slesak Brandbeschleuniger für Tropenkrankheiten.
Der Tropenmediziner warnt: „Sobald es irgendwo Krieg gibt, kommen plötzlich wieder Menschen, die an Fleckfieber, an Cholera oder anderen Krankheiten erkrankt sind.“
Nicht weil die Erreger neu wären, sondern weil Impfprogramme zusammenbrechen und Kühlketten reißen würden, Hygiene unmöglich werden würde. Wer solche Regionen bereist – aus beruflichen Gründen, als Helfer, als Journalist – müsse damit rechnen, auf Krankheiten zu treffen, die der Hausarzt zu Hause nicht auf dem Schirm hat.
Slesaks Botschaft nach allem, was er gesehen hat – in Laos, in der Tropenambulanz in Tübingen, in fünf Jahren an der Grenze zwischen bekannter und unbekannter Medizin – ist keine dramatische. Sie ist nüchtern: „Mit relativ wenig Maßnahmen kann man schon sehr viel erreichen. Prävention, das ist einfach total wichtig.“ Parasiten wollen nicht töten. Sie wollen überleben. Meistens gelingt ihnen das nur dann, wenn der Mensch nicht aufmerksam ist.
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(v. l. Thalea Nowak, Charlotte Haft, Julius Brücker, Roman Haas)



