„Mein Vater ist ein Nazi“

Paula war rechts. Rechtsextrem sogar. Heute hat sie den Hass hinter sich gelassen. Sie erzählt davon, wie ihre Eltern ihre Einstellungen geprägt haben, wie sie Gewalt gegenüber Andersdenkenden relativiert hat und wie ein fremder Muslim ihr schlussendlich geholfen hat, die rechte Szene zu verlassen.

– Sami Girgin, Gruppe Politisch motivierte Kriminalität

Illustration Anna Seeber

Hallo Paula, danke, dass du mit mir über deine rechtsgesinnte Vergangenheit sprichst. Mein Opa war türkischer Gastarbeiter und meine Mutter kam aus Finnland zum Studieren nach Deutschland.  Hättest du dich vor zehn Jahren hier mit mir hingesetzt und offen über dieses Thema gesprochen?
Ja, auf jeden Fall. Trotz allem, ja.

Wieso?
Das wäre damals für mich in Ordnung gewesen. Mein Mindset war, dass alle, die hier arbeiten gehen, auch in Deutschland bleiben dürfen.

Und wer nicht arbeiten gehen darf oder gehen möchte?
‚Raus damit.‘ Das habe ich mir gedacht. Jeder der nicht arbeitet, hätte zurück in das Land gehen sollen, aus dem er gekommen ist. Heute sehe ich das anders. Ich war damals sehr uninformiert und habe das geglaubt, was meine Eltern mir beigebracht haben. Das waren die üblichen Narrative. Mir wurde erzählt, dass die nicht arbeiten gehen wollen und nur her kommen, weil es hier schön ist und die hier alles kriegen. Das denken meine Eltern bis heute noch.

Wie oft war Politik bei dir zu Hause Gesprächsthema?
Mehrmals täglich. Das ist und war bei mir zu Hause ein Riesenthema.

Was haben dir deine Eltern über die Welt, über Menschen und Werte beigebracht?
Ich habe nie gehört, dass jeder Mensch gleich ist. Sondern, dass wir in Deutschland was Besseres sind. Ausländer und Flüchtlinge würden uns alles wegnehmen. Die seien schlimm und hätten bei uns nichts zu suchen. Das wurde mir damals erzählt. Das habe ich geglaubt und verinnerlicht.

Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass du und deine Familie politisch anders denkt als andere?
Es war nicht normal. Ich habe früh gemerkt, dass das anders ist. Aber genau das habe ich als toll empfunden. Ich habe mich dadurch cool gefühlt. Ich fand meine Meinung krass und wusste, dass nicht alle so denken. Alle die anders gedacht haben, fand ich lächerlich.

Fällt dir eine Situation ein, in der du das erste Mal gemerkt hast, dass du die Werte, die deine Eltern dir beigebracht haben, ganz bewusst selbst vertreten hast?
Das war noch in der Schulzeit. Ich bin damals auf die Realschule gegangen. Bei uns im Dorf in Brandenburg waren nur Deutsche auf der Schule. Ich bin im ländlichen Bereich aufgewachsen und hatte eigentlich kaum Kontakt mit Flüchtlingen, bis eine Familie in unsere Gegend gezogen ist. Die Kinder sind bei mir auf die Schule gekommen und ohne, dass ich meinen Eltern davon erzählt habe, ohne, dass die einen Einfluss auf mich nehmen konnten, habe ich mich geärgert, dass die da waren. Ich fand die scheiße und habe mich gefragt, was die hier zu suchen haben.

Hast du es den beiden auch direkt gezeigt, was du von ihnen hältst?
Ich habe sie nicht angegriffen oder so. Aber mir fällt trotzdem etwas dazu ein. Während der Schulzeit hatten wir einen Instagram-Account, auf dem Personen anonym Sachen beichten konnten. Dort hat jemand geschrieben, dass er eins der beiden Kinder aus der Flüchtlingsfamilie verprügelt hat. Unter dem Beitrag habe ich kommentiert ‚Richtig so. Verdient!‘ Für mich war es in dem Moment richtig, dass er verprügelt wurde – nur weil er existierte.

Wie hast du dich gefühlt, als du das jetzt gelesen hast?
Krass. Ich habe mich geschämt. Dass ich damals so gedacht habe und, ohne zu überlegen, so etwas geschrieben habe. Das hat mich sehr beschäftigt.
Den Kommentar habe ich sofort gelöscht, weil ich damit im Internet nicht mehr in Verbindung gebracht werden will.

Wie war das politische Umfeld in deinem Freundeskreis?
Meine Freundinnen vertraten oft keine starke politische Meinung. Meine männlichen Freunde haben alle gedacht wie ich. Wir teilten die gleichen Narrative in Bezug auf Ausländer, aber auch den Staat. Damals war noch Mama Merkel in der Regierung. Die haben wir groß verspottet und als Schuldige ausgemacht, die alle Ausländer reinbringt. Heute wünsche ich mir sie zurück.

Gab es bei dir auf der Schule Personen, die politisch anders gedacht haben als die Mehrheit?
Ja, wir hatten ein Geschwisterpaar auf der Schule, die man als „Punks“ betiteln kann. Die hatten bunte Haare, Ketten an ihren Hosen, haben sich nur Schwarz gekleidet und trugen Fuck-Nazis-Aufdrucke auf den Jacken. Die wurden gemobbt. Denen haben wir immer wieder dumme Kommentare an den Kopf geworfen und beide nicht in Ruhe gelassen. Die haben sich daraus aber nichts gemacht. Das ging bei denen im einem Ohr rein und durchs andere wieder raus. Aber wir haben uns cool gefühlt, die dumm anzumachen.

 Das waren die einzigen beiden?
Denen man das so richtig angesehen hat, ja. Wer noch die linke Meinung vertreten hat, das wusste ich nicht so ganz. Die haben sich bestimmt auch zurückgehalten.

Aus Angst?
Ja, natürlich. Viele wollten einfach dazugehören. Unsere Schule war sehr hart, was Mobbing anging. Du wurdest gleich ausgeschlossen. Viele denen das passiert ist, haben schnell die Schule gewechselt.

Mobbing ist eine Form der Gewalt, die oft psychisch beginnt. Wann hast du das erste Mal erlebt, dass auch physische Gewalt in der Szene akzeptiert oder legitimiert wurde?
Oft habe ich Gewalt-Geschichten nur von Freundesfreunden gehört. Wir als Gruppe waren oft verbaler unterwegs. Wenn wir unsere ländliche Region mal verlassen haben und in Städte gefahren sind, sind wir auch oft Migranten und Flüchtlingen über den Weg gelaufen. Die wurden von uns regelmäßig grundlos angepöbelt und dumm angemacht. Wenn ich daran jetzt zurückdenke, merke ich wieder, wie schlimm das war. Die existierten und ich störte mich an deren Existenz. Das war für mich normal und richtig so. Wenn ich heute darüber nachdenke, merke ich: Das ist ein reines Ich-Problem gewesen.

Wann hast du begonnen an diesem Ich-Problem zu arbeiten?
Da gab es einen bestimmten Moment. Meine Mutter und ich waren in Dresden shoppen. Während wir uns auf einer Bank ausgeruht haben, ist mir ein Mann aufgefallen, der sich auf die Straße stellte und sich die Augen verband. Vor sich hat er ein Pappschild aufgestellt, auf dem auf Englisch stand, dass er Muslim ist und trotzdem ein normaler Mensch wie du und ich. Darunter stand noch, ob man sich traut, ihn zu umarmen. Das hat in mir was ausgelöst. Warum soll ich ihn denn nicht umarmen? Was ist an diesem Mann anders als an mir? In dem Moment habe ich keinen Hass in mir gefühlt. Ganz im Gegenteil. Ich bin auf den Mann zugegangen und habe ihn umarmt. Ich weiß noch, wie er mir auf Englisch gesagt hat, dass es schön ist, dass es mich gibt und sich für die Umarmung bedankt hat. Das war für mich der Wendepunkt, der in mir aktives Denken ausgelöst hat.

Wie hat deine Mutter das aufgenommen?
In dem Moment fand sie das nicht schlimm.

Und dein Vater? Hast du ihm davon erzählt?
Ja, habe ich. Er fand das überhaupt nicht gut. Mein Vater hat auch gemerkt, dass etwas in mir Klick gemacht hat. Eine seiner ersten Fragen war, was denn mit mir passiert sei. Warum ich jetzt auf einmal so denken würde. Über den Menschen, den ich umarmt habe, hat er sofort schlecht geredet. Obwohl er in diesem Moment gar nicht dabei war. Er hat die Situation nicht erlebt und hat es trotzdem schlecht geredet.

Wie ging es dann für dich weiter? So ein Gedankenwechsel erfolgt sicher nicht über Nacht, oder?
Nein, auf keinen Fall. Das hat bei mir bestimmt zwei Jahre gedauert. Ich war schon immer viel in den Sozialen Medien unterwegs, auf Instagram, Facebook, Musical.ly (heute TikTok). Dort habe ich mich mit der Zeit immer mehr auf Seiten wiedergefunden, die eher etwas Linkes vermitteln. Seien es amerikanische Influencer, die offen mit dem Thema Sexualität umgehen. Das war bei uns auch ein großes Thema. Sexualität durfte nicht sein, gab es nicht. Dafür wurde ich dann aber sehr offen, habe mich darüber informiert und bin immer mehr Seiten dieser Art gefolgt. Das hat mir geholfen, mein Weltbild zu überdenken und mir eine eigene Meinung zu bilden.

Hattest du zu der Zeit Angst, dass du deshalb den Kontakt zu Freunden oder Familie verlieren könntest?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin zwar ein introvertierter Mensch mit recht wenig Selbstbewusstsein, aber meine Meinung habe ich immer stark vertreten. Ich hatte das Glück, dass sich die Freundschaften nach der Schulzeit immer mehr verlaufen haben. Deshalb gab es diesen Moment, dass ich mich von denen distanzieren muss, nicht so richtig. Über Social Media bekomme ich noch manchmal was von denen mit. Die meisten denken leider noch immer gleich. Meine Eltern auch. Ich habe versucht beide mitzuziehen. Das hat nicht funktioniert. Das würde niemals funktionieren.

Wieso?
Die sind zu tief drinnen. Meinen Vater ist ein Nazi, so würde ich ihn bezeichnen. Meine Mutter ist rechts. Weniger hardcore. Aber immer noch rechts. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie irgendwann nochmal umdenken werden.

Wie ist das Verhältnis zu deiner Familie heute?
Das Verhältnis ist gut. Ich habe noch einen großen Bruder. Von uns vieren bin ich die Einzige, die wirklich links ist. Bei meinem Bruder merke ich manchmal, dass er schon fast richtig denkt und kurz davor ist, es zu verstehen. Er wählt trotzdem die AfD. Ich habe ihn noch nicht überzeugt bekommen. Mit meinen Eltern telefoniere ich, seitdem ich ausgezogen bin, wöchentlich. Da geht es immer um Politik. Wir ecken an und sind sauer aufeinander, einer ist eingeschnappt und einer ist genervt. Wir verstehen uns aber trotzdem. Wir schaffen es, die Familie über unsere Ansichten zu stellen.

Erwischst du dich heute manchmal noch, wie du in alte Gedankenmuster verfällst?
Ja, ab und zu erwische ich mich dabei. Es schleicht sich immer mal wieder ein. Wenn ich eine Person auf der Straße sehe, die ein Flüchtling oder Migrant sein könnte, frage ich mich, warum die Person nicht arbeitet. Alle sind gerade am Arbeiten. Nur er ist gerade hier. Direkt danach denke ich mir, vielleicht hat er gerade Freizeit. Den ersten Gedanken versuche ich sofort zu reflektieren.

Denkst du irgendetwas hätte damals verhindern können, dass du in die politisch rechte Richtung gerätst?
Nein. Das hätte nicht verhindert werden können. Auf keinen Fall. Politik war dafür ein zu großes Thema bei uns zu Hause. Und die Meinung meiner Eltern war zu stark.

Gab es damals schulische oder außerschulische Maßnahmen oder Projekte, die versucht haben, euch zu informieren?
Tatsächlich kaum. Das Einzige, was mir hätte helfen können zu der Zeit, wäre der Besuch mit der Schule in Auschwitz gewesen. Jede zehnte Klasse ist damals für drei Tage nach Auschwitz gefahren. Wir waren der erste Jahrgang seit Jahren, der nicht fahren durfte. Die Schule wusste, wie wir sind. Außerdem hatten wir Personen in der Parallelklasse, die sind frisch 18 geworden, sind so oft sitzengeblieben, dass sie noch in der zehnten Klasse waren, und hatten schon Anzeigen wegen Volksverhetzung am Hals.

Denkst du die Fahrt nach Auschwitz hätte dir geholfen?
Ja. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass die Fahrt nach Auschwitz der Denkanstoß für mich hätte sein können. Die Bilder und Videos, die es gibt, sind so hart und emotional. Das hätte an meinem Denken sicher etwas bewegt.

Hättest du dir im Nachhinein generell mehr Aufklärung und Prävention gewünscht?
Von der Schule hätte ich mir mehr Initiative gewünscht. Alle wussten, dass es ein großes Problem mit rechten Schülern gibt. Viel wurde da aber nicht gemacht. Ich hätte mir einen Vortrag von einer Person von außerhalb gewünscht, die unsere Bubble versucht aufzubrechen. Auf der anderen Seite waren viele von uns schon zu tief drinnen, dass es bei vielen nichts mehr gebracht hätte. Ich denke aber, dass es mir hätte helfen können.

Helfen ist ein gutes Stichwort. Stell dir vor, du stehst heute deinem 15-jährigen Ich gegenüber. Was würdest du dir selbst sagen?
Bitte fang an, Sachen zu hinterfragen. Hör‘ nicht nur auf eine Meinung, versuch beide Seiten zu verstehen. Und vor allem: Stell nicht deine Meinung über Fakten. Du kannst Fakten nicht mit deiner Meinung widerlegen.

 Danke für das Gespräch!

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(v. l. Lukas Rentz, Vincenz Gneuß, Charlotte Hofer, Sami Girgin)