„Verbraucher:innen sind nicht ausreichend geschützt“

Ein imprägniertes Sofa, ein Wimpernserum mit Hormonen, eine Brotdose unbekannter Zusammensetzung: Viele Produkte enthalten Chemikalien, deren Nutzen fraglich ist und die für Verbraucher:innen kaum erkennbar sind. Die Chemikerin Dr. Kerstin Effers von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen erklärt, wo bewusster Konsum helfen kann – und warum er politische Regulierung nicht ersetzt.

– Julia Würmseer, Gruppe Schadstoffe

Dr. Kerstin Effers | Quelle: Vebraucherzentrale NRW

Frau Effers, muss man sich vor Schadstoffen im Alltag fürchten?

Man wird wahnsinnig, wenn man sich über alles Sorgen macht. Auf vieles haben wir keinen Einfluss. Deshalb sollte man sich fragen: Wo liegen die großen Stellschrauben? Was kann ich selbst verändern? Das funktioniert im Alltag ganz gut.

Danach sollte man es aber auch gut sein lassen. Gerade Schwangere und junge Eltern machen sich häufig große Sorgen. Schadstoffe können nicht das Thema Nummer eins sein – wir haben schließlich noch andere Aufgaben.

Wo lohnt es sich, genauer hinzusehen?

Bei Produkten mit Zusatzfunktionen. Die Industrie verführt Verbraucher:innen ein Stück weit dazu, Dinge mit bestimmten Eigenschaften zu kaufen, die sie oft gar nicht benötigen. Ein Beispiel ist ein mit PFAS imprägniertes Sofa, das wasser- oder schmutzabweisend sein soll. Untersuchungen haben gezeigt, dass PFAS-Imprägnierungen auf Polstermöbeln schnell abgenutzt werden und nur kurz Schutz besteht.

Man sollte sich fragen: Brauche ich diese Funktion wirklich? Die entscheidende Frage müsste lauten, was die Gesellschaft tatsächlich benötigt – und ob sich diese Funktion mit gesundheits- und umweltverträglicheren Mitteln erreichen lässt.

Wir brauchen eine „Chemie on demand“ – und keine Chemie, die versucht, ihren großen Gemischtwarenladen unter die Leute zu bringen.

Bei welchen Produkten sind die Menschen zu sorglos?

Unter anderem bei Kosmetik. Viele Produkte sind nicht unbedingt notwendig. Bei einem medizinisch benötigten Infusionsschlauch aus PVC-Kunststoff ist die Risiko-Nutzen-Abwägung klar. Aber braucht man ein Wimpernserum mit hormonell wirksamen Stoffen? Da sollte man sich zweimal überlegen, was man verwendet.

Ist Naturkosmetik die bessere Wahl?

Meistens schon. Ein Stoff ist zwar nicht unbedenklich, nur weil er natürlichen Ursprungs ist. Auch in der Natur gibt es starke Giftstoffe, aber diese werden in Naturkosmetik nicht eingesetzt.

Zertifizierte Naturkosmetik stellt allerdings strengere Anforderungen als die Kosmetikverordnung. Dort sind fast alle Chemikalien ausgeschlossen, die immer wieder in der Kritik stehen – etwa bestimmte synthetische Polymere, organisch-synthetische UV-Filter oder umstrittene Konservierungsstoffe.

Trotzdem kann auch Naturkosmetik die Haut reizen oder Allergien auslösen. Besonders Menschen mit Allergien müssen bei allen Kosmetikprodukten genau auf die Inhaltsstoffe achten.

Wissen Verbraucher:innen überhaupt, was in ihren Produkten steckt?

Oft nicht. Bei einer Brotdose ist häufig noch nicht einmal erkennbar, aus welchem Kunststoff sie besteht, von den Zusatzstoffen ganz zu schweigen. Ähnlich sieht es bei Bodenbelägen, Möbeln oder anderen Alltagsprodukten aus.

Selbst wir bei der Verbraucherzentrale stoßen an Grenzen. Wenn jemand wissen möchte, welche Stoffe in einem Sofa verarbeitet wurden und ob sie problematisch sein könnten, lässt sich das häufig nicht zuverlässig herausfinden.

Deshalb brauchen wir mehr Transparenz über die chemische Zusammensetzung von Produkten.

Ich hoffe sehr, dass der digitale Produktpass in Zukunft für mehr Durchblick sorgt.

Verbraucher:innen müssen die Namen der Stoffe nicht selbst beurteilen können. Sie könnten Apps nutzen oder sich beraten lassen. Dafür müssen die Informationen zur chemischen Zusammensetzung aber verfügbar sein.

Könnte der Staat problematische Stoffe nicht einfach verbieten?

So einfach ist es nicht. Ein pauschales Verbot ohne Ausnahmen ist nicht immer sinnvoll. Entscheidend sind die Fragen, ob es geeignete Alternativen gibt und ob eine Anwendung gesellschaftlich notwendig ist oder ob sie nur zusätzlichen Komfort bietet.

Die Politik sollte stärker gefahrenbasiert regulieren, die Forschung nach Alternativen fördern und nicht nur chemische, sondern auch technische Lösungen betrachten.

Der gefahrenbasierte Ansatz ist auch eine notwendige Voraussetzung für eine schadstoffarme Kreislaufwirtschaft. Ein risikobasierter Ansatz führt dazu, dass Schadstoffe durch Recycling immer wieder in die Materialien gelangen.

Sind Verbraucher:innen ausreichend geschützt?

Nein, ich sehe noch sehr viel Luft nach oben. Humanbiomonitoring-Untersuchungen zeigen, dass Verbraucher:innen mit mehreren Hundert Industriechemikalien belastet sind.

Besorgniserregend finde ich unter anderem die Ergebnisse der LINA-Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung. Dort wird untersucht, welchen Chemikalien Schwangere und Kinder ausgesetzt sind und wie sich solche Belastungen auf die kindliche Entwicklung auswirken können. Die Forschung liefert Hinweise darauf, dass nicht nur einzelne Stoffe, sondern auch Chemikaliengemische eine Rolle spielen.

Das ist ein grundsätzliches Problem: Risikobewertung betrachtet meist nur eine einzelne Substanz. Im Alltag sind Menschen jedoch vielen Chemikalien gleichzeitig ausgesetzt. Solche Mischungseffekte werden bislang nicht ausreichend berücksichtigt.

Tipps von Frau Dr. Effers

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Gruppe Schadstoffe

Schadstoffe sind fast überall – in Kosmetik, Verpackungen, Kleidung und im Essen. Die meisten haben einen Zweck, manche stehen im Verdacht, krank zu machen. Doch was ist wirklich gefährlich, und wer entscheidet, welches Risiko wir hinnehmen?

Der Text zeigt entlang eines typischen Tagesablaufs, welchen Schadstoffen Menschen im Alltag begegnen können. Im Video begleiten wir ein Laborteam bei der Testung einer Schadstoffgruppe, die potenziell erbgutschädigend oder krebserregend sein kann. Im Podcast erzählt eine Protagonistin, wie die Suche nach dem „richtigen“ Essen für sie zum Zwang wurde. Und auf Social Media nehmen wir „Clean Beauty“ auseinander: Wann schützt uns ein Label wirklich, und wann kaufen wir nur ein gutes Gewissen?

(v. l. Julia Würmseer, Joleen Boyce, Carlotta Bohlmann; Carlotta Bayer)