Elite-Uni, ehrwürdige Traditionen und ein Studium auf höchstem Niveau. Cambridge gilt für viele als Traumziel – Studieren mit Bestnoten, ein Abschluss der Sonderklasse und exzellente Jobaussichten. Doch wie sieht der Alltag wirklich aus? Zwischen Leistungsdruck und besonderen College-Ritualen erlebt ein deutscher Student, was es heißt, an einer der renommiertesten Universitäten der Welt zu studieren.
Von Katharina Freimuth

Es ist kurz nach fünf Uhr morgens, als die alten Dielen knarzen und die ersten Stimmen im Flur zu hören sind. Mehrere Wecker klingeln gleichzeitig und vereinzelte Fenster werfen gedämpftes Licht in den Innenhof des jahrhundertealten College. Florian ist einer der ersten, der montags noch vor Sonnenaufgang aufsteht und die Unterkunft verlässt. Seit Juni 2025 studiert er an der University of Cambridge, um seinen Master in Informatik zu absolvieren. Im Sommer 2026 soll er seinen Abschluss erhalten. Leise knirscht der Kies unter seinen Turnschuhen und ein kühler Wind zerrt an seiner Sporttasche, auf der das Logo der Universität prangt. In der Stille des Morgens quietscht das gusseiserne Tor, als er auf den Bürgersteig tritt. Das Tor fällt ins Schloss und für wenige Stunden kann Florian den Stress des Lernens zurücklassen. Zuerst ist Rudertraining angesagt. Einer von vielen Sportclubs, die es an der University of Cambridge gibt. Eine sportliche Ablenkung gegen den Lernstress und ein traditionsreicher Zeitvertreib. Damals, als Florian neu an der Universität war, war Rudern einer der ersten Anlaufpunkte, um neue Freundschaften zu schließen.
„Eine alte Tradition“
Auf den Straßen der Stadt ist es noch ruhig. Die Souvenirläden und Frühstückscafés haben noch geschlossen. Vereinzelt brennen Straßenlaternen, die mit ihrer neuartigen Bauart fehl am Platz wirken. Florian joggt an den Häusern im gotischen Baustil vorbei, bis er am Clubhaus des Rudervereins angekommen ist. Dort begrüßen ihn die wartenden Kommilitonen mit einem müden Lächeln, bevor sie gemeinsam hineingehen. Wie schon die letzten Wochen wird heute für die Bumps trainiert – eine Ruderregatta zwischen den Ruderteams aus Cambridge und Oxford, die jedes Jahr im März und Mai stattfindet. „Eine alte Tradition“, erklärt Florian. „Das Rennen findet jedes Jahr auf dem Fluss Cam statt, der durch die Stadt fließt. Dadurch hat Cambridge auch seinen Namen.“
Zwei Stunden dauert das Training. Viel Zeit bleibt ihm nicht, um nach Hause zu laufen, zu duschen und zu frühstücken. Dann verlässt Florian das zweite Mal an diesem Tag das Peterhouse – eins von 31 Colleges der Universität. Ein sozialer Treffpunkt für Studenten ähnlicher Studiengänge und Wohnort von Florian und anderen Studierenden. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es fast halb zehn ist. Es bleibt ihm eine halbe Stunde, bevor das erste Seminar des Tages beginnt. In der Eile achtet er nicht auf den Weg und wäre fast auf den perfekten Rasen des Innenhofs getreten. Ein Fehler, der ernsthafte Konsequenzen haben könnte. Florian erzählt, dass es eine der ältesten Regeln ist, dass nur Fellows – Professoren oder Dozenten – auf die Grünfläche treten dürfen. Und Tauben. „Vor einigen Jahrzehnten gab es ein großes Taubenproblem. Aufgrund dieses Verbots hätte man jede Taube erschießen müssen, die auf dem Gras war. Das wurde irgendwann so viel, dass die Uni jede Taube auf der Welt kurzerhand zu einem Fellow ernannte.“ Florian schmunzelt beim Erzählen.
Hier erwartet man Bestnoten
Aufgrund des Zeitmangels entscheidet er sich, mit dem Rad zum Forschungszentrum zu fahren, in dem seine Seminare stattfinden. Um diese Uhrzeit wimmelt es in der Stadt von Touristen, die mit gezückten Handys durch die alten Gassen laufen und Fotos schießen. Kaum zehn Minuten später kommt eine dreistöckige Gläserfront mit breitem Vordach in Sicht. Das William Gates Building. Ein Gebäude, in dem vor allem Studenten mit dem Studiengang Computer Science and Technology lernen. Florian schließt sein Rad an einem der dutzenden Radständer vor dem Gebäude ab und begibt sich ins Innere. Heute sind es nur zwei Seminare, bei denen Florian aber meist selbst lernt. „Es ist anders als in Deutschland. Dort saß ich meist nur in Vorlesungen und hörte mit halbem Ohr zu. Oder gar nicht“, scherzt er. „Hier wird sehr viel auf Selbstständigkeit gelegt. Ich bekomme zwar meine Aufgaben, aber muss anhand von Papers alles selbst erarbeiten. Dabei darf man nicht vergessen, dass von einem auch Bestnoten erwartet werden.“ Dies ist eine der Anforderungen, die die University of Cambridge an ihre Studenten stellt. „Das erwarte ich von mir selbst am meisten. Schließlich war es schon eine Hürde, überhaupt in Cambridge angenommen zu werden.“ Doch der eigentliche Druck beginnt nicht erst im Studium. „Auf einer Elite-Uni wie Cambridge ist der Leistungsdruck und Workload viel höher als an anderen Universitäten. In vielen Kursen schafft es kaum jemand, über 70 Prozent der Notenleistung zu erreichen. Schon mit 75 Prozent gilt man als besonders“, berichtet Florian.
Bevor Florian überhaupt hier studieren konnte, musste er einen aufwendigen Bewerbungsprozess durchlaufen, bei dem nur die Besten ausgewählt werden. Dafür muss ein Englischtest gemacht und mindestens das Sprachniveau C2 erreicht werden. Neben guten Zeugnisnoten wird auch ein Motivationsschreiben verlangt, ebenso wie ein Aufsatz über ein selbstgewähltes Forschungsthema. „Danach wurde ich von einem Professor meines College zu einem Interview eingeladen.“ Dabei werden weitere Fragen gestellt, zum Beispiel über das bereits vorhandene Fachwissen oder die Motivation, in Cambridge zu studieren. „Damals hatte ich Angst, einen Blackout zu bekommen oder mich zu blamieren.“ Nur ein kleiner Teil der Bewerber schafft es dann tatsächlich, angenommen zu werden. Florian ist einer dieser Glücklichen. Doch der Weg nach Cambridge ist nicht nur akademisch anspruchsvoll, sondern auch finanziell. Studiengebühren von mehreren tausend Pfund pro Jahr sowie hohe Lebenshaltungskosten machen das Studium zu einer Herausforderung. Ein Teil wird durch Stipendien gedeckt, den Rest trägt er selbst.
Abendkleidung, traditionelle Umhänge und vornehmes Benehmen
Für einen gewöhnlichen Februarabend wird es heute besonders schnell dunkel und kühl. Normalerweise lernt er nach seinen Seminaren noch in der Bibliothek des Peterhouse und schreibt weiter an seiner Masterarbeit. Doch nicht heute. Denn für heute Abend konnte er Tickets für ein Formal ergattern – ein Candlelight-Dinner, das von seinem College regelmäßig ausgerichtet wird.
Kaum ist er nach den Seminaren zurück, beginnt die Vorbereitung. Alles muss nach Vorschriften laufen. Abendkleidung, traditionelle Umhänge und vornehmes Benehmen. Die schwarze Gown hängt bereit in seinem Schrank, der schwarze Anzug liegt auf seinem Bett. Einzige Ausnahme ist die dunkelrote Krawatte, die ein wenig Farbe in die strikte Ordnung bringt. Pünktlich um 19 Uhr tritt Florian durch die dunkle Holztüre in den Vorraum der Dining Hall. Dabei muss er sich ducken, um nicht gegen den Türrahmen zu stoßen, der ihm nur bis zu den Schultern reicht. Im Inneren haben sich bereits andere Studenten versammelt, die gespannt auf den Einlass in den Speisesaal warten. Jeder von ihnen trägt eine Gown – ein schwarzes Festgewand, welches bei dieser Veranstaltung Pflicht ist. „Anfangs haben sie mich immer an die Roben in Harry Potter erinnert“, witzelt Florian.
„Als würden die Geister derjenigen, die vor mir hier waren, auf mich herabblicken“
Eine Glocke wird geläutet und deutet den Beginn der Veranstaltung an. Jahrhundertealte, dunkle Holzfassaden schmücken den Raum, an denen mehrere Portraits von wichtigen Persönlichkeiten der Geschichte Cambridges hängen. Lange, schwere Tische sind nebeneinander aufgereiht, auf denen wenige Kerzen flackern und Geschirr sowie mehrere Karaffen Wasser bereitstehen. „Manchmal fühlt es sich so an, als wäre man in einer anderen Welt“, flüstert Florian ehrfürchtig und sieht zu den Bildern hoch. „Als würden die Geister derjenigen, die vor mir hier waren, auf mich herabblicken.“ Die Teilnehmer bleiben vor ihrem gewählten Platz stehen. Kurze Zeit später werden zwei lateinische Gedichte aufgesagt. Dann beginnt das Dinner. Mehrere Kellner bringen als Vorspeise eine ausgefallene Variante von Sommerrollen, zur Hauptspeise wird Gulasch und zum Nachtisch Schokoladengebäck serviert. Während des eineinhalbstündigen Essens unterhalten sich die Studenten miteinander, lernen sich kennen und tauschen sich aus. Viele sind einander schon bekannt, da sie die gleichen Studiengängen studieren oder Zimmernachbarn sind. Einige von ihnen begeben sich nach dem Essen zurück in den Vorraum und gesellen sich an eine Bar. Florian jedoch verabschiedet sich von seinen Kommilitonen und verlässt das Gebäude. Auf dem Weg zurück zu seinem Zimmer kommen ihm Mitstudierende entgegen, die noch in Bars oder Clubs gehen. Etwas, das er selbst auch des Öfteren macht. Doch Florians Tag ist für heute beendet. Denn morgen wartet wieder das, was Cambridge ausmacht: erleben, lernen, leisten.


