Franz Glanz zum letzten Mal auf der großen Bühne

Seit über sechs Jahrzehnten widmet Franz Glanz aus Unterwössen sein Leben den Orchideen. Jetzt bereitet sich der 81-jährige erfahrene Orchideenzüchter auf die Weltorchideenkonferenz in Dresden vor – vielleicht zum letzten Mal. Die Vorbereitungen sind intensiv und verlangen von ihm Wochen der sorgfältigen Auswahl, des Zweifelns und der Präzision. Doch für Franz Glanz ist der Wettbewerb mehr als nur eine Ausstellung – es ist ein emotionaler Abschied von einer Leidenschaft, die sein Leben geprägt hat.

Von Christina Glanz

Als Franz Glanz an diesem Morgen die Tür zu seinem Gewächshaus öffnet, ist es draußen noch still. Der Nebel hängt tief über dem Achental, die Umrisse der Berge verschwimmen im grauen Licht. Kein Wind, kein Geräusch, nur die Kälte eines frühen Tages. Als er eintritt, verändert sich alles. Warme, feuchte Luft schlägt ihm entgegen. Sie riecht nach nasser Erde, Moos und einem Hauch von der Süße der Blüten. Die Scheiben sind beschlagen, feine Tropfen laufen langsam daran hinab. Für einen Moment bleibt Glanz einfach stehen, atmet ein, als würde er ankommen.

Dann geht er los mit ruhigen Schritten. Zwischen den Reihen seiner Orchideen öffnet sich eine eigene Welt. Pflanzen in allen Formen und Größen, sorgfältig auf Tischen platziert, einige hängend, andere kletternd, dicht an dicht. Ein leises Tropfen der Bewässerungsanlage, ein gleichmäßiges Summen der Lampen – mehr ist nicht zu hören. Er bleibt vor einer Pflanze stehen. Hebt die Blüte leicht an, dreht sie ein Stück ins Licht. Seine Bewegungen sind routiniert, jede Handlung sitzt. „Die vielleicht“, murmelt er leise. Es ist einer dieser Ausdrücke, die in diesen Tagen oft fallen. Sätze, die mehr Frage als Antwort sind, denn die Vorbereitung hat begonnen.

In wenigen Wochen wird Franz Glanz nach Dresden reisen zur Weltorchideenkonferenz. Züchter aus aller Welt werden dort ihre besten Pflanzen zeigen, monatelange Arbeit wird bewertet in wenigen Tagen. Für ihn ist es keine gewöhnliche Ausstellung. Es könnte seine letzte sein. Die monatelange Vorbereitung, die langen Fahrten, das Auf- und Abbauen des Standes – all das kann Franz Glanz langsam nicht mehr stemmen. Doch deshalb sollte diese Ausstellung eine besondere werden.

Jeden Morgen geht er seine Pflanzen durch

Er schaut nicht nur auf die Blüten. Er prüft die Haltung, die Farbe der Blätter, die Kraft der Wurzeln. Manchmal kniet er sich hin, um genauer hinzusehen, manchmal tritt er mehrere Schritte zurück, um den Gesamteindruck zu prüfen. Eine Pflanze, die gestern noch überzeugt hat, wirkt heute plötzlich unsicher. Eine andere, übersehen am Rand, zieht nun die Aufmerksamkeit auf sich. „Zu unruhig“, murmelt er einmal. Es sind kleine Unterschiede, welche für Außenstehende kaum sichtbar sind. Für ihn entscheiden sie alles.

Nach und nach entsteht eine Auswahl. Die Kandidatinnen stehen auf einem eigenen Tisch, etwas abseits. Ein Dutzend Pflanzen, jede für sich besonders, jede mit der Chance, in Dresden eine Medaille zu gewinnen. Doch entschieden ist noch nichts. Im Werkraum nebenan hat Glanz mit Kreide Linien auf den Boden gezeichnet, die eine U-Form bilden, unterteilt in Flächen und ergänzt durch Pfeile und Markierungen. Es ist der Grundriss seines Messestandes – maßstabsgetreu übertragen auf den Betonboden. Hier beginnt die nächste Phase. Er trägt die Pflanzen hinein, eine nach der anderen. Stellt sie auf die vorgesehenen Plätze, tritt zurück. Lange schaut er, ohne sich zu bewegen. Dann geht er wieder vor, hebt einen Topf an, stellt ihn wenige Zentimeter weiter nach links.

„Das Auge muss wandern“

„Sonst bleibt es stehen“, sagt er. Damit meint er mehr als nur die Anordnung der Pflanzen. Es geht um Wirkung, darum, dass der Blick von einer Pflanze zur nächsten fließen kann, ohne Unruhe. Ein kleines Stück Tropengarten, mitten in einer Messehalle. Stundenlang arbeitet er so. Manchmal räumt er fast alles wieder um. Dann stehen die Pflanzen wieder auf dem Tisch, und er beginnt von vorne. Am schwierigsten ist der Moment, in dem er sich endgültig festlegen muss. Denn jedes Mal, wenn er eine Pflanze auswählt, bedeutet es, dass andere zurückbleiben. Er geht die Reihe noch einmal ab, bleibt vor jeder einzelnen stehen. Seine Hand berührt kurz den Rand eines Topfes, als würde er sich verabschieden. Am Ende trifft er seine Wahl.

Diese Reise ist besonders

Dann beginnen die Vorbereitungen für den Transport. Holzkisten werden hervorgeholt und mit feuchten Tüchern sorgfältig ausgelegt. Die Pflanzen werden hineingesetzt, fixiert und gesichert. Jede Bewegung ist bedacht. Und doch ist da diese zusätzliche Vorsicht. „Früher ging das schneller“, sagt Glanz und richtet eine Blüte ein letztes Mal aus. „Heute passt man mehr auf.“ Sein Sohn Franz steht neben ihm, reicht ihm Material, hält die Kisten fest. Die beiden wirken routiniert und viele Worte werden nicht ausgetauscht. Ihnen beiden ist klar: Diese Reise ist besonders. Die Tage vor der Abfahrt ziehen sich lang und vergehen zugleich aber schnell. Immer wieder kontrolliert Franz Glanz die Pflanzen, öffnet Kisten, prüft die Feuchtigkeit, korrigiert Kleinigkeiten. Am Nachmittag geht er noch einmal durch sein Gewächshaus. Ohne Plan, ohne Aufgabe. Er bleibt stehen, streicht über ein Blatt, richtet einen Trieb, der sich leicht geneigt hat.

Hier hat alles begonnen. Vor mehr als sechzig Jahren versuchte er sich zum ersten Mal. Es brauchte viel Geduld und Neugier. Aus winzigen Samen wurden Pflanzen, aus Pflanzen wurden Züchtungen, aus Züchtungen ein Name, der Orchideenzüchtern auf der ganzen Welt bekannt ist. Es ist still im Gewächshaus. Nur das gleichmäßige Tropfen ist zu hören.

Am Tag vor der Abreise stehen die Kisten bereit: Ordentlich verschlossen, beschriftet, ordentlich aufgereiht. Alles wirkt vorbereitet und so gut wie abgeschlossen. Zusammen mit seiner Frau Maria und seinem Sohn Franz werden die Kisten in den Transporter verstaut und gesichert. „Jetzt wird es ernst“, sagt Glanz mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.