Der 20-jährige Xaver spielt Eishockey – nicht als Hobby, sondern in einer Profimannschaft. Neben Training und Spielen meistert er seinen Alltag: Er studiert Sportwissenschaften und arbeitet beim Deutschen Eishockey-Bund. Seine Tage sind durchgetaktet.

Von Leon Zäch

Foto: Philip Schmid

Der Geruch von nassem Eis und trocknender Ausrüstung liegt in der Luft. In der Hacker-Pschorr-Arena in Bad Tölz ist es kurz nach sieben Uhr morgens. Es ist ungewöhnlich ruhig und die meisten Lichter in der Halle sind noch aus. Nur Eismeister Bernd tüftelt bereits an seiner Maschine und bringt die Eisfläche für den Morgen in Schuss. Xaver, oder wie ihn seine Teamkollegen nennen, Xav, sitzt auf seinem Platz in der Kabine und zieht die Schnürsenkel seiner Schlittschuhe fest. Neben ihm befestigt sein Kapitän Sandro seine Schienbeinschoner lautstark mit Tape, während ein neuer Junioren-Spieler seine Schläger scheppernd zu Boden fallen lässt. Gleich beginnt das Training. Danach fährt der 20-Jährige nach München zur Uni. Am Nachmittag wartet sein Werkstudentenjob beim Deutschen Eishockey-Bund.

Drei Leben an einem Tag

Student, Werkstudent und Profi-Eishockeyspieler. Während viele Studierende schon mit Vorlesungen und Nebenjob kämpfen, versucht Xaver, alles gleichzeitig zu schaffen.

Auf dem Eis knallen die ersten Pucks gegen die Bande. Mit einem kleinen Absprung betritt Xav die Eisfläche. Er stößt sich ab und beschleunigt quer über das Spielfeld. Die Kufen schneiden in schnellen engen Bögen über die Fläche. Ein kühler Eisnebel entsteht, als Xav neben seinen Teamkollegen bremsend zum Stehen kommt. Axel Kammerer, der Cheftrainer der Tölzer Löwen, erklärt der versammelten Mannschaft die erste Übung. Die Plexiglas-Bande beschlägt, die Atemzüge werden schneller und kleine Dampfwolken steigen in die kalte Hallenluft. Die Intensität ist trotz der frühen Uhrzeit hoch, da am Abend das Playoff-Spiel gegen die Eisbären aus Hamm ansteht. Noch bevor die Sonne über den Gipfeln der bayerischen Alpen aufgeht, hat Xaver schon seine erste Trainingseinheit hinter sich.

Kommilitonen klagen noch über Müdigkeit

„Der Morgen ist eigentlich noch der entspannteste Teil des Tages“, sagt er danach und grinst. Viel Zeit bleibt ihm nicht. Nach dem Training hängt er die Ausrüstung an seinen Platz, duscht den Schweiß hastig ab und greift dann nach seinem Rucksack. Draußen ist es noch ruhig, als er sich auf den kurzen Fußmarsch zum Bahnhof macht. Der Regionalzug ist voller Pendler, für die der Arbeitstag gerade erst beginnt. Für Xaver ist es schon der zweite Abschnitt. Die ca. 60 Minuten Zugfahrt nutzt er, um sich auf die Arbeit am Nachmittag vorzubereiten. Zuerst geht es aber Richtung Uni-Campus in den Münchner Olympiapark.

Im Hörsaal wirkt die Welt plötzlich langsamer. Gedämpfte Stimmen, das Tippen auf Laptops und das Surren des Beamers. Xaver sitzt zwischen Kommilitonen, die noch über Müdigkeit klagen. Auf seinem Tisch steht sein Mittagessen in einer Brotzeitdose, daneben sein Laptop. Die Inhalte seines Studiums der Sportwissenschaften kennt er oft schon aus der Praxis. Trainingslehre, Belastungssteuerung und Regeneration sind Themen, die ihn selbst tagtäglich begleiten.

Das Studium ist für ihn mehr als nur ein Plan B. Es ist eine Absicherung. Aktuell ist sein Vertrag noch auf ein Jahr befristet. Ob er kommende Saison immer noch bei den Löwen in der Oberliga spielt, weiß niemand. Im Profisport ist nichts garantiert. Verletzungen und Konkurrenz können einem immer einen Strich durch die Rechnung machen. Laut eigener Aussage haben 30 bis 40 Prozent der Spieler einen anderen Hauptjob und sind somit nur Halbprofis, die sich durch das Eishockey ein zusätzliches Einkommen dazuverdienen. Die restlichen 60 Prozent sind Vollprofis und finanzieren ihr Leben somit rein über den Sport. Diese Vollprofi-Spieler haben oft Verträge, die über mehrere Jahre andauern und sie zumindest kurzfristig für den Fall einer Verletzung absichern. Xaver ist bei den Tölzer Löwen der einzige Student und somit auch der Einzige, der neben Job und Sport noch einer dritten Beschäftigung nachgeht.

„Manchmal fühlt es sich an wie zwei verschiedene Leben“

Am Nachmittag folgt die nächste Station der Tagesordnung. Im Büro des Deutschen Eishockey-Bundes im Münchner Stadtteil Untermenzing ist es ruhig. Tastaturen klappern, Telefone klingeln. Xaver sitzt vor seinem Bildschirm, beantwortet Mails und organisiert Abläufe. Er ist Teil eines internen Teams, das die bevorstehende Eishockey-WM 2027 organisiert, die in Deutschland stattfindet. Spezifisch konzentriert er sich auf das Marketing und das Management der freiwilligen Helfer. „Mit meinem Studium haben meine Aufgaben hier nicht wirklich was zu tun“, sagt er lachend. Einen Teil gibt es aber, den alle drei Beschäftigungen gemeinsam haben: das Eishockey.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Am Morgen noch das Tempo auf dem Eis, jetzt strukturierte Arbeit am Schreibtisch. „Manchmal fühlt es sich schon an wie zwei verschiedene Leben“, murmelt er und starrt dabei konzentriert auf den Computer. Seine Arbeitskollegen wissen, dass er nebenbei Halbprofi ist. Er ist der einzige Mitarbeiter im gesamten Verband, der aktiv in einer der eigenen Ligen mitspielt. Für viele ist es schwer vorstellbar, wie sich dieser Alltag anfühlt. „Das ist schon eine extreme Belastung“, meint sein Vorgesetzter Claus, der selbst vor seiner Zeit beim DEB Handball-Profispieler war. „Viele unterschätzen, wie viel Disziplin dahintersteckt.“

Zwischen Training, Uni und Arbeit bleibt kaum Zeit für Pausen. Oft ist es nur ein schneller Snack im Zug oder ein kurzer Moment, um runterzukommen. Freizeit, wie sie viele andere Studierende kennen, passt während der Saison selten in seinen Tagesplan.

Sekunden entscheiden über Sieg oder Niederlage

Foto: Philip Schmid

Am frühen Abend gegen 17 Uhr kehrt Xaver dorthin zurück, wo der Tag begonnen hat. Die Halle wirkt jetzt anders. Heller, lauter, voller. Musik dröhnt aus den Lautsprechern, auf dem Videowürfel laufen Werbespots, Zuschauer suchen ihre Plätze. „Vor so einem Entscheidungsspiel ist in der Kabine die Anspannung richtig spürbar“, sagt Xaver. „Da redet man fast noch weniger als am Morgen“. Xaver zieht sich um, legt die getrocknete Ausrüstung an und greift seinen Schläger. Als er aufs Eis tritt, ist von Müdigkeit, die nach dem langen Tag gerechtfertigt wäre, nichts zu sehen. Die Schritte sind schnell und die Bewegungen flüssig und gekonnt. Das Spiel beginnt, der Puck saust über das Eis. Sekunden entscheiden jetzt über Sieg oder Niederlage. „Wenn das Spiel beginnt, habe ich vom restlichen Tag eigentlich gar nichts im Kopf“, erklärt Xaver später.

Ein harter Check an der Bande, ein schneller Pass, ein Schuss aufs Tor. Die ca. 3500 Zuschauer feuern die Mannschaft lautstark an. Zu Eishockeyspielen der Tölzer Löwen zu gehen, ist in der Kurstadt schon immer Tradition. „Man sieht den Menschen direkt an, ob sie schon mal ein Eishockeyspiel gesehen haben oder nicht“, sagt Roland, Xavers Vater, lachend. „Bei so einer schnellen Sportart den kleinen Puck nicht aus den Augen zu verlieren, ist schon nicht so einfach“. Roland verpasst kaum ein Heimspiel seines Sohnes. Für ihn ist die Hacker-Pschorr-Arena fast genauso Wohnzimmer wie für Xaver selbst.

Bad Tölz gewinnt das Spiel mit 6:2. Das Weiterkommen in die nächste Playoff-Runde löst nicht nur bei den Fans Erleichterung aus. Auch Xav und die Mannschaft können nach dem Spiel in der Kabine schon wieder runterkommen, lachen und entspannter reden als noch drei Stunden zuvor. Diese Momente sind aber begrenzt. Nicht nur wartet in ein paar Tagen bereits der nächste Gegner im Rennen um die Meisterschaft, sondern auch Xavers persönlicher Kreislauf beginnt morgen früh wieder von vorne. „Für mich heißt es jetzt erstmal regenerieren und vielleicht noch den Tag morgen planen“, sagt er nach dem Umziehen und Duschen vor der Eishalle. Die Kombination aus Studium, Job und Leistungssport verlangt mehr als nur genaue Tagesplanung. Sie verlangt Durchhaltevermögen.

Der Sport ist ein Beruf

Auch Xaver kennt die Momente, in denen alles zu viel wird. „Klar gibt es Phasen, wo man sich fragt, wie lange man das noch durchziehen kann oder auch wie viel ich jetzt noch dafür opfern will“, rätselt er. „Aber ich habe mich ja immer wieder bewusst dafür entschieden.“ Es ist die Entscheidung, als kleines Kind das Schlittschuhlaufen zu lernen, die seinen Alltag bis heute bestimmt. Der Sport ist mittlerweile nicht mehr nur ein Hobby, er ist ein Beruf.

Kurz vor Mitternacht verlässt Xaver die Halle. Die Luft draußen ist kalt, die Straßen sind fast leer. Im Auto seines Vaters legt er die letzten Kilometer des Tages zurück. Sein Heimatort Holzkirchen liegt eine etwa 20-minütige Autofahrt vom Tölzer Eishockeystadion entfernt. In wenigen Stunden klingelt sein Wecker erneut. Dann beginnt der Tag von vorne. Wieder Training, wieder Uni und wieder Arbeit.

Die Kufen schneiden erneut über das Eis, Bernd arbeitet wie immer an seiner Eismaschine, und irgendwo zwischen Hörsaal, Büro und Eisfläche versucht Xaver weiter, alles unter einen Hut zu bringen.

Nicht, weil es einfach ist. Sondern weil er es genauso will.