Sehbehinderung, Hörverlust, Paralympics-Schwimmer: Taliso Engel überwindet im Wasser nicht nur Bahnen, sondern auch die Hindernisse seines Lebens.

Von Jana Schuster

Unter Wasser verliert die Welt ihre Schärfe. Konturen lösen sich auf, Übergänge verschwimmen. Neben ihm zieht die Bahnleine vorbei, mehr Schatten als Form. Er gleitet vorwärts. Getragen von seinem eigenen Rhythmus. Unter ihm die schwarze Linie auf dem Beckenboden. Unscharf, und doch fühlt er sich sicher. Er bleibt konzentriert auf Schatten und Linien. Jede Bewegung fließt in die nächste. Der Körper gleitet fast mühelos. Die Strecke wird zu einem Gefühl, einer Abfolge von Bewegungen. Langsam hebt sich unter ihm etwas Dunkles ab: Ein großes T. Zuerst undeutlich, dann klarer – ein Hinweis, das Ende der Bahn naht. Jetzt weiß er: noch einen Zug.

Während andere Schwimmer nach dem letzten Zug wieder in ihre gewohnte Welt zurückkehren, bleibt für Taliso Engel die Realität auch über Wasser eine andere. Sein Blick ist oft gesenkt, der Kopf leicht zur Seite geneigt, sodass ihm die dunkelblonden Haare ins Gesicht fallen. Wer Taliso zum ersten Mal sieht, könnte ihn für nachdenklich oder sogar verschlossen halten. Doch das ist nicht der Fall. Der 23-jährige Para-Schwimmer kommt am 4. Juni 2002 mit einer Sehbehinderung auf die Welt, die ihm links 6 bis 8 Prozent und rechts nur etwa halb so viel Sehvermögen lässt. Da er am äußeren Rand seines Sichtfelds besser wahrnimmt, dreht er beim Sprechen oft leicht den Kopf oder blickt sein Gegenüber seitlich an. Er erklärt: „Farben sehe ich noch, aber ich kann nicht sagen, ob ich scharf oder unscharf sehe, weil ich es halt nie anders kannte“. Trotz starker Sehbeeinträchtigung wurde er bereits Mehrfach-Weltmeister sowie zweifacher Paralympics-Goldmedaillensieger über 100 Meter Brust. Doch wie kam Engel überhaupt zum Schwimmen?

Anfangs ging es vor allem um Sicherheit

Seine Mutter wollte, dass er sich trotz Sehbeeinträchtigung wenigstens im Wasser sicher bewegen kann. Für Taliso wurde daraus aber schnell mehr: „Die Freude am Schwimmen packte mich und ich blieb dabei“, sagt der 23-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht. Anfangs war er ein kleiner, zierlicher Junge, oft der Letzte im Becken – und weit davon entfernt zu glauben, einmal im Leistungssport etwas Großes zu erreichen.

2012: An die Paralympics dachte der damals zehnjährige Junge noch nicht. Das änderte sich, als er sich im gleichen Jahr das Becken eines Nürnberger Schwimmbades mit der damals 19-jährigen Para-Schwimmerin Elena Semechin (ehemals Krawzov) teilte. Trotz unterschiedlicher Vereine kamen die beiden schnell ins Gespräch – am Beckenrand wie bei Wettkämpfen. „Elena war damals ein riesiges Vorbild für mich“, erzählt Taliso. „Als sie 2012 bei ihren ersten Paralympics Silber gewann, war für mich klar: Da will ich auch einmal hin!“

Von da an trainiert Engel noch konsequenter – bis dieser Alltag zur Routine wird

6.30 Uhr. Nürnberg ist noch ruhig und die Straßen für Großstadt-Verhältnisse kaum befahren. Doch die erste Mannschaft des 1. FCN-Schwimmen versammelt sich bereits mit ihren großen Rucksäcken auf den Schultern vor den Türen des Langwasserbades. Unter ihnen: Taliso Engel. Während die Stadt erst langsam in den Tag startet, beginnt für die Schwimmer bereits die erste Einheit. In der langsam von Sonnenlicht durchfluteten Schwimmhalle herrscht Ruhe. Das Schwimmbad ist für den normalen Badebetrieb noch geschlossen. Nur ein älterer Mann ist noch mit den letzten Reinigungsarbeiten beschäftigt und schiebt gemächlich seinen Putzwagen vor sich her. Das 50-Meter-Becken liegt unberührt da. Der Geruch von Chlor und Reinigungsmittel hängt in der Luft.

Nachdem sich alle umgezogen haben, stehen die Schwimmer bereit am Beckenrand. Fünfundzwanzig Minuten Aufwärmen beginnen: Schultern kreisen, Arme und Beine werden mobilisiert, der Körper für die jeweiligen Lagen vorbereitet. Parallel dazu notiert Jochen Stetina, der seit 2019 Taliso und seine Mannschaft trainiert, die Trainingspläne auf drei große Whiteboards. Aufgeteilt in Sprint, Kurz- und Mittelstrecke. Da Taliso Kurzstrecke schwimmt, geht er weiter nach vorne, um sich seinen Trainingsplan genauer anzusehen. Erst nach einer kurzen Besprechung gehen alle zusammen ins Wasser. Das zuvor ruhige Becken füllt sich, routinierte Bewegungen setzen ein, jeder arbeitet seinen Plan ab. Trainer Jochen Stetina erklärt: „Taliso schwimmt ganz normal in der Trainingsgruppe mit. Man merkt ihm seine Sehbeeinträchtigung im Training kaum an, das macht es so entspannt.“ Der 23-Jährige orientiert sich beim Schwimmen hauptsächlich an der schwarzen Linie unter ihm, die er grob wahrnehmen kann. Stetina beschreibt das Trainingsverhalten von Taliso als „konzentriert und fokussiert“. „Natürlich ist aber auch immer etwas Spaß dabei!“, fügt Stetina lachend hinzu.

Nach der etwa zweistündigen Schwimmeinheit und anschließendem Schultertraining im integrierten Kraftraum macht sich der Sportler um 9:50 Uhr mit Heißhunger auf den Heimweg, um endlich richtig zu frühstücken. „Vor dem ersten Training reicht es nämlich nur für eine Kleinigkeit“, sagt er. In der U-Bahn erzählt Taliso nahezu bescheiden von seinen bisherigen Erfolgen: „Eins meiner persönlichen Highlights war natürlich meine erste WM in London und die Paralympics 2021 in Tokio.“ Bei beiden gewann Engel mit neuer eigener Bestleistung und einem Weltrekord Gold.

2023 folgte ein Rückschlag

Der Para-Sportler berichtet jedoch nicht nur über seine Erfolgserlebnisse. 2023 folgte ein Rückschlag: Auf dem Weg ins Trainingslager in die Türkei verliert Taliso Engel das Gehör auf seinem rechten Ohr. „Am Anfang dachten wir noch, naja, wenn man fliegt, ist es normal, dass bei einer Erkältung etwas mehr Druck auf dem Ohr entsteht. Doch der Druck blieb – bis mein Trommelfell riss und ich das Gehör verlor“, erzählt er. Seine Freundin Kim Mößner, die ihn jetzt auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn begleitet, erinnert sich: „Dadurch, dass seine Wahrnehmung durch die Sehbehinderung stark von seinen Ohren abhängt, war das ein riesiges Problem. Alle Sinne und das Gleichgewicht waren durcheinander. Anfangs ist er getorkelt, als wäre er betrunken. Vom Schwimmen war vorerst gar keine Rede.“ Mehrere Monate dauerte es, bis Taliso sich wieder an das neue Gefühl im Wasser gewöhnt. Heute haben sich er und seine Angehörigen weitgehend an den Zustand angepasst. Dennoch können selbst alltägliche Entscheidungen, die früher nebensächlich waren – die Wahl eines Sitzplatzes im Restaurant oder in der U-Bahn –, weiterhin zur Herausforderung werden. „Wo setze ich mich am schlausten hin, damit ich mein Gegenüber bestmöglich verstehen kann?“ Trotz allem gibt er nicht auf. Ein halbes Jahr später holt er sich bei den Paralympics 2024 in Paris erneut Gold über 100 Meter Brust und bricht dabei seinen eigenen Weltrekord.

Die Erfolge wirken fast leicht, so selbstverständlich, und doch erzählen sie von einem harten Kampf hinter den Kulissen. Para-Sportler müssen sich nicht nur auf Training und Wettkampf konzentrieren, sondern auch um ihre finanzielle Absicherung kämpfen. „Prämien fallen einfach deutlich geringer aus als bei Olympioniken, Sponsoren sind so schwer zu finden, und dadurch die Karriere auch relativ ungewiss“, berichtet Taliso Engel. Wie lange er auf diesem Niveau schwimmen kann, weiß er selbst nicht. Deshalb geht er neue Wege, baut sich ein zweites Standbein auf: Ein Fernstudium für Sportbusiness Management läuft parallel. Als Sicherheit und Möglichkeit, sich nicht allein auf den Sport verlassen zu müssen. Der Rückschlag hat ihm noch einmal vor Augen geführt, wie vergänglich alles ist und dass im Para-Sport kaum jemand vorhersehen kann, wohin der Weg führt.

„Man sollte sich nicht verstecken“

Am Abend kehrt Taliso noch einmal in die Schwimmhalle des Langwasserbades zurück. Mittlerweile herrscht Trubel im Schwimmbad. Rufe, Pfiffe und das Klappern von Schwimmausrüstung füllen den Raum. Die letzte Trainingseinheit für heute. Die Abläufe ähneln denen vom frühen Morgen: Aufwärmen, Serien, Technik. Die Bewegungen sind routiniert, jeder Zug sitzt. Was sich wiederholt, ist Teil eines langfristigen Plans. Trainer Jochen Stetina denkt diesen Plan bereits weiter. Mit Blick auf die Paralympics 2028 in Los Angeles sagt er: „Taliso hat trotz bisheriger Erfolge noch Entwicklungspotenzial. Wenn er so weitermacht, kann er auch dort wieder ganz vorne angreifen.“

Zum Schluss appelliert der Para-Schwimmer noch an Menschen, die durch ihre Behinderung vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Er erzählt von seinen eigenen Erfahrungen, davon, wie wichtig es sei, an sich selbst zu glauben und Neues auszuprobieren. „Man sollte sich nicht verstecken, sondern rausgehen, das Leben aktiv leben und dabei fröhlich bleiben“, sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Ein Pfiff durchhallt den Raum. Jochen Stetina steht am Beckenrand und gibt für heute das letzte Go-Signal fürs Wasser. Taliso Engel holt noch einmal tief Luft, taucht ein – und macht im Wasser das, was ein Engel am besten kann. Fliegen.