Damage und Sommersprosse
Poker ist männlich. Anca Eggenberger und Yvonne Savary Taveras wollen das ändern. Unter ihren Pokernamen Damage und Sommersprosse wollen sie mehr Frauen für Poker begeistern und sich untereinander vernetzen. Dieses Mal in Tschechien.
– Clara Solf und Rebecca Preuß, Gruppe Täuschung
„Alles Freaks!“ Yvonne lacht und Anca fügt hinzu: „Ich sag mal so: Niemand ist normal, der in ein Casino geht“. Die beiden Frauen sind bekannt hier, im King’s Casino in Rozvadov, Tschechien. Küsschen links, Küsschen rechts: Inmitten der bunt blinkenden Spielautomaten ziehen sie Aufmerksamkeit auf sich.
Ancas pinkes T-Shirt sieht aus wie eine Spielkarte. Ein großes schwarzes Pik in der Mitte, links darüber das Q für Queen. Ihre rot gefärbten Haare fallen ihr lockig über die Schultern und Glitzerohrringe rahmen ihr Gesicht. Yvonne trägt eine schwarz-weiße Jacke mit silbernen Schnallen, dazu ein Lippenpiercing und große Creolen im gleichen Farbton. Sie hat lange schwarze Haare und Poker-Tattoos schmücken ihren Handrücken. Damage und Sommersprosse – rein äußerlich sieht man ihnen nicht an, wer welchen Pokernamen trägt.

Ancas Armband verrät es. Schwarze Perlen mit Buchstaben darauf bilden ihren Namen: Damage. Sie stammt gebürtig aus Rumänien. Ihr Vater sei Poker- und Glücksspieler gewesen, erzählt sie. Als sie neun war, habe er ihr das Pokern beigebracht. „Das war so unsere Schlecht-Wetter-Unterhaltung oder wenn wir mal keinen Strom hatten. So wie andere Monopoly gespielt haben, haben wir Poker gespielt“, erzählt Anca.
Yvonne spielt seit fast 20 Jahren Poker. 2024 hat sie die Poker-Europameisterschaft der Frauen im österreichischen Velden gewonnen. Ihren Spitznamen Sommersprosse trägt sie schon seit ihrer Kindheit. „In meinem Leben gibt es nur Poker und meine Kinder“, sagt die 48-Jährige. Angereist sind die beiden schon gestern. Anca aus Liechtenstein, Yvonne aus der Schweiz – extra für das Ladies Event.
Das Herz des King’s Casino präsentiert sich wie ein Palast. Säulen aus königsblau leuchtenden Kugeln mit goldenen Akzenten zieren den großen Raum, zu dem alle Wege hinführen. An den Tischen sitzen Männer zwischen 30 und 50 in dunklen Hoodies, T-Shirts oder Trainingsjacken. Manche tragen Basecaps, andere Sonnenbrillen. „Wenn man sich mal umschaut, sind die einzigen Frauen, die ich sehe, die Dealerinnen, die die Karten ausgeben“, sagt Yvonne.

Das Herz des King’s Casino präsentiert sich wie ein Palast. | Foto: Preuß
Es ist 12.15 Uhr und die beiden machen sich auf den Weg zum Cash Desk, um sich für das heutige Ladies Pokerevent anzumelden. Der Kassenbereich liegt hinter einer Glasscheibe, die in dunkles Holz mit indirekter Beleuchtung eingelassen ist. Das Teilnahme-Ticket sieht aus wie ein Kassenbon. Anca legt es auf einen leeren Pokertisch und fotografiert das dünne weiße Papier, für den Fall, dass sie es verliert. „Table 39, Seat 5“ steht darauf. Für 150 Euro Teilnahmegebühr hat sie sich eingekauft, so nennt man das im Poker. „Das ist wenig. Das Turnier, das ich im April gespielt habe, hat 1.000 Euro Buy-in gekostet“, sagt die 46-Jährige. Die sichere Gewinnsumme, die am Ende über die Bestplatzierten aufgeteilt wird, beträgt heute 3.000 Euro. Wenn Teilnehmerinnen aus dem Turnier ausscheiden und sich neu einkaufen, steigt sie.
Das Haupt-Event des European Poker Festivals läuft ein paar Tische weiter bereits seit einer Stunde und füllt den größten Pokerraum Europas fast komplett – ausschließlich mit Männern. Der garantierte Preispool liegt hier bei einer Million Euro und fällt damit deutlich höher aus als für das Ladies Event. „Das ist ja das Problem. Wären wir mehr Spielerinnen, was wir hier fördern, wäre der Pool auch größer“, sagt Yvonne. Auch wenn es wenige seien, gebe es schon Frauen, die Poker spielen, sagt Anca. Vor einem Monat hat sie ihren bisher größten Erfolg, den Sieg der Ladies Championship der World Series of Poker Europe, in Prag gefeiert. Die zählt zu den größten Ladies Events Europas und hatte 197 Teilnehmerinnen. 40.000 Euro Preisgeld und ein Bracelet – die prestigeträchtigste Auszeichnung im Poker – konnte Anca mit nach Hause nehmen. Vor allem in größeren Turnierserien gebe es mittlerweile meistens auch ein Ladies Event, erzählt Yvonne. Für die nächsten zwölf Monate wird es laut dem Women’s Poker Calender weltweit 202 Pokerturniere für Frauen geben. In gemischten Turnieren ist der Anteil an Frauen immer noch verschwindend gering bei ungefähr drei bis sechs Prozent, schätzt Yvonne.
Die beiden Frauen gehören der Wicked Alliance an, einem Verein ambitionierter Pokerspielerinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit acht Mitgliedern sind sie eine kleine eingeschworene Gruppe. „Wir haben einen Gemeinschaftskalender und da kann man eintragen, welche Turniere man spielen will“, erzählt Yvonne. Als sie gesehen habe, dass Anca das Ladies Event spielen wird, habe sie sich entschieden, auch nach Tschechien zu kommen. Die Wicked Alliance möchte außerdem Frauen im Poker untereinander vernetzen und organisiert dafür Turniere. Im August veranstalten sie ein großes Ladies Event im Grand Casino in Liechtenstein – The Wicked Bad Girl Poker Open. „Das ist für alle pokerbegeisterten Frauen aus der ganzen Welt“, erzählt Yvonne.
Ein Blick aufs Handy: 13.45 Uhr. Um 14.00 Uhr soll es losgehen, doch die Mindestanzahl an Anmeldungen für das Event ist immer noch nicht erreicht. In der Hoffnung, weitere Teilnehmerinnen zu mobilisieren oder zumindest eine Verlängerung der Anmeldefrist auszuhandeln, wuseln Anca und Yvonne durch das Casino.

Der Countdown zum Ladies Event läuft. Bisher haben sich nur sechs Teilnehmerinnen angemeldet. | Foto: Solf
„Wenn man sagt, der Mann hat Eier, dann hat sie das Doppelte davon“
Mittlerweile ist es 14.40 Uhr und das Ladies Event hat noch nicht begonnen. Mit einem Aperol in der rechten Hand und einem neuen Teilnahme-Ticket in der linken läuft Anca von der Bar in Richtung Pokerraum: „Ist abgesagt. Ich spiel Main Event“, sagt sie. Es haben sich auch nach Anmeldeverlängerung nur sechs Frauen eingekauft. Anca und Yvonne hatten mit um die dreißig gerechnet. Mindestens zehn hätten es sein müssen. „Das ist echt traurig“, erwidert Yvonne. „Dafür bin ich hergekommen.“
Im King’s Casino sei damit zum zweiten Mal ein Ladies Event abgesagt worden. Warum das hier passiere, können sie sich nicht erklären. „Vielleicht wollen die Frauen die Reise nicht auf sich nehmen. Oder sie sind in Aš, da ist auch ein großes Turnier“, sagt Yvonne. Nur ein Prozent der ganzen Poker-Community sei weiblich, schätzt sie, deshalb möchten sie mehr Frauen für Poker begeistert. „Wir sind quasi die alten Hasen und sind da, um die jungen Spielerinnen zu ermutigen und immer wieder zu loben, wenn sie gut gespielt haben“, sagt Yvonne. Um die Frauen untereinander zu vernetzen, nutzen die beiden neben den Events auch WhatsApp-Gruppen und die sozialen Medien.
Während Anca nun also das „große“ Turnier gemeinsam mit den Männern spielt, lässt sich Yvonne auf die Warteliste fürs Cash Game schreiben. Dort hofft sie, schnelles Geld zu machen, denn die Chips entsprechen, anders als im Turnierpoker, barem Geld und Gewinne werden direkt ausgezahlt. Anca hingegen muss sich im Turnier durch ihren verspäteten Einstieg erst hocharbeiten. Das war Yvonne für sich selbst zu riskant. Anca erhält nach dem Buy-in die gleiche Anzahl an Chips wie alle anderen. Der kostet diesmal 299 Euro, die sie bezahlt, ohne zu zögern – wie alle hier.
Eine Treppe führt hinunter in den großen Pokerraum, der im Kontrast zu dem prunkvollen Herzstück des Casinos bescheiden aussieht. Mit dicht aneinandergereihten Turniertischen, die von schmalen Stühlen mit steifer Rückenlehne umringt sind, erinnert er eher an eine Messehalle. An einem der Turniertische sitzt Anca mit acht Männern. Einer von ihnen lehnt auf einem umgedrehten Stuhl mit dem Bauch an der Rückenlehne. „Er hat sich wahrscheinlich von einer Angestellten des Resorts eine Massage gebucht“, sagt Yvonne.

Die Zerstörung, die Anca mit ihrem Pokernamen Damage vorrauseilt, sieht man ihr nicht an. | Foto: Preuß
Die Zerstörung, die Anca mit ihrem Pokernamen Damage vorrauseilt, sieht man ihr nicht an. Sie lächelt zu Yvonne hinüber, die an einem leeren Tisch wartet, bis ein Platz für sie im Cash Game frei wird. „Die schaut lieb, ist aber alles andere als lieb am Tisch. Eine richtige Raubkatze“, sagt Yvonne und schaut zu Anca, die mit den Männern an ihrem Tisch shakert. Ihr Lachen ist schwer zu interpretieren. Das mache sie gerne, um ihre Gegner zu verwirren, hatte sie vor Spielbeginn erzählt. Manchmal lohne es sich auch, ein bisschen zu sticheln. Sätze zu sagen wie „Soll ich dir helfen?“ und ganz locker mit seinen Gegnern zu reden – auch wenn sie schlechte Karten hat. „Dann denkt er: Ach, jetzt redet sie, dann muss sie stark sein“, meinte Anca.
Yvonnes Spielstrategie ist genau das Gegenteil. „Man muss einfach extrem ruhig sein, man darf nicht reden“, sagt sie. „Ich bin nicht gern mit ihr am Tisch. Anca hat ein totales Pokerface, also es ist wirklich schwierig gegen sie zu spielen. Wenn man sagt, der Mann hat Eier, dann hat sie das Doppelte davon“, sagt Yvonne.
„Wir sind das stärkere Geschlecht“
15.10 Uhr. Auf der Warteliste fürs Cash Game steht Yvonnes Name gerade noch an vierter Stelle. Im Vorbeigehen dreht sich ein anderer Pokerspieler mit lockerer Jeans, Pulli und Kopfhörern um den Hals zu Yvonne. „Ich liebe dich!“, sagt er beiläufig zu ihr und grinst. Yvonne schmunzelt. „Ich sag ja, Freaks.“ Dann schiebt sich ihr Name in der Warteliste nach oben und sie macht sich auf zum Cash-Game-Tisch.
„Ich bin sehr bekannt für Bluffs. Ich bluffe bei jedem Spiel extrem viel“, erzählt Yvonne. „Gute Spieler müssen sehr gut täuschen können. Und zwar auch gewusst wann.“ Eine Sonnenbrille mit großen, dunklen Gläsern steckt auf ihrem Kopf. Ihre Hände hat sie auf den gepolsterten Rand des Pokertisches gestützt und lässt die Chips durch ihre manikürten Finger gleiten. Nur wer bewusst darauf achtet, hört das Klackern hunderter Chips im Casino nachhallen.
„Wir sind das stärkere Geschlecht, auch hier oben“, sagt Yvonne und tippt sich mit dem Finger an die Schläfe. „Weil wir Situationen viel feiner einschätzen können, das ist ja im richtigen Leben auch so. Wir wissen ganz genau, was der Typ vor zwei Wochen um 13.12 Uhr gesagt hat. Der weiß das nicht mehr. Das ist im Poker dasselbe, Poker kann man vergleichen mit dem wahren Leben.“
Die Dealerin verteilt an jeden Spieler zwei Karten, auf die sie einen flüchtigen Blick werfen, indem sie die rechte obere Kante einen Spalt breit heben. In die Mitte legt sie fünf verdeckte Karten, die sogenannten Gemeinschaftskarten. Nach der ersten Setzrunde dreht sie die ersten drei Karten auf: ein entscheidender Zeitpunkt im Poker, denn jetzt kann sich eine scheinbar schwache Hand in eine gute verwandeln und umgekehrt. Ziel ist es, am Ende aus den eigenen und den Gemeinschaftskarten die beste Kombination zu haben oder dies zumindest überzeugend vorzutäuschen.
„So ein Bluff ist ja auch nichts anderes als eine Lüge“, sagt Guy Overmann. Er hat als Profiler beim Spezialeinsatzkommando in Luxemburg gearbeitet und spielt auch selbst Poker: „Die Lüge ist nur anders eingepackt und der Kontext ist ein anderer. Die Körpersprache und die Mimik bei Menschen, die nicht die Wahrheit sagen, die ähneln sich extrem“ – ob am Pokertisch oder im Verhör.

Übersicht über die besten Pokerhände | Grafik: Solf
„Stevie Wonder hätte das gespürt“
Wer beim Umdrehen der Gemeinschaftskarten nur auf das Board schaut, dem entgeht die Reaktion seiner Gegner. „Ich konnte schon zigmal gute Calls machen, weil die Körpersprache alles verraten hat“, erzählt Yvonne. Vor allem Freizeitspieler seien einfach zu lesen. „Lecken die sich die Lippen, heißt das ‚Mjam mjam. Ich bin gut!‘ Wenn sie sich auf die Lippe beißen, sind sie eher weniger stark.“ Und wenn einer die Chips schon zählt, bevor er überhaupt dran ist, wisse sie: „Er hat was, da geht was.“
Aber selbst das beste Pokerface routinierter Spieler:innen entgleise früher oder später, sagt Guy Overmann. Mikromimik sei nicht vorspielbar und dauere kürzer als ein Wimpernschlag. „Das passiert unbewusst und ist daher superehrlich“, erklärt er. Deshalb sei es auch so anstrengend, sowohl die Mimik als auch die eigene Körpersprache über lange Zeit im Griff zu haben. Ein minimales Anheben der Augenbraue, ein kurzes Zusammenziehen der Lippen oder ein kaum wahrnehmbares Spannen im Kiefer seien Beispiele für Mikroreaktionen im Poker.
„Am Pokertisch beginnt jede Analyse mit der Baseline“, erklärt Overmann. Die Baseline, also die neutrale Grundhaltung, sei jedoch kein einzelnes Bild, sondern der Mittelwert vieler Beobachtungen einer einzelnen Person im Zustand völliger Entspannung. Manchmal sogar über Tage und Turnierreihen hinweg. Situationen, in denen sich die Baseline analysieren lässt, seien etwa vor dem Austeilen, während langer Denkpausen anderer oder bei belanglosen Gesprächen. „Eine Baseline ist kein Gefühl, sondern ein Referenzzustand. Wer ihn nicht kennt, sieht überall Emotionen – nur selten die richtigen“, sagt der ehemalige SEK-Beamte.
Um Mikroreaktionen überhaupt erkennen zu können, müsse das visuelle Gedächtnis geschult werden, erklärt er. Dazu müsse man sich die sieben Basisemotionen Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel, Überraschung und Verachtung in ihrer idealtypischen Form einprägen. Nicht, um sie eins zu eins wiederzufinden, sondern um ihre Fragmente zu erkennen. „Am Tisch begegnet man nie der Emotion selbst, sondern immer ihren Bruchstücken“, sagt Overmann.
Freude beispielsweise zeige sich nicht durch ein Lächeln oder Strahlen, sondern durch minimal angehobene Mundwinkel, einen Hauch breiter geöffnete Augenlider und ein kaum kontrollierbares Ausatmen. „Freude zeigt sich nicht offen – sie entweicht“, sagt Overmann. Freude sei außerdem nicht gleichzusetzen mit einer guten Pokerhand, sie könne ebenso für das Ende von Anspannung oder die Akzeptanz eines Ergebnisses stehen. Universelle Tells, also Anzeichen, die Menschen zuverlässig verraten, gebe es jedenfalls nicht. Vielmehr müsse man Tells wie Puzzlestücke zusammenlegen und immer mit der Baseline abgleichen, erklärt Overmann. Da es häufig gar nicht zum Showdown, also zum Aufdecken der Karten, kommt, bleiben viele Bluffs auch unentdeckt, sagt er. Umso wichtiger sei es, die Informationen über Mimik und Körpersprache abzuspeichern und in anderen Turnieren wieder abrufen zu können.

Beim Cash Game entsprechen die Chips, anders als im Turnierpoker, barem Geld. | Foto: Preuß
Yvonne trägt oft eine Sonnenbrille, um ihre Emotionen zu verbergen. In risikoreichen Spielen könne selbst die Halsschlagader Hinweise auf Nervosität geben, sagt sie: „Da mach ich die Kapuze hoch. Manchmal geht dir der Puls, dass du das siehst.“ Mit einem trockenen Grinsen steht sie vom Spieltisch auf. „Das sieht ein Blinder, Stevie Wonder hätte das gespürt“, sagt Yvonne über einen Spieler, der es ihr besonders leicht gemacht hat. Er habe weder über seine Spielzüge nachgedacht noch darauf geachtet, sich seine Emotionen im Gesicht nicht anmerken zu lassen.
Noch besser als Gegner, die viele solcher Tells von sich geben, sei es, als Frau falsch gelesen zu werden. „Das ist Geburtstag und Neujahr!“ Yvonnes Augen leuchten und sie lacht: „Das ist das Geilste. Wenn man merkt, ich bin extrem gut dran und der denkt, die hat eh nix. Dann wird’s teuer und dann wird’s geil!“ Und wer richtig gut ist, nutzt Tells sogar zu seinem Vorteil und sendet dem Gegner bewusst falsche Signale. „Mit Reverse Tells willst du dem anderen etwas zeigen, was eigentlich gar nicht stimmt“, erklärt Overmann. „Sie gehören zur Meta-Ebene des Pokers, wo es nicht mehr um Karten, sondern Wahrnehmung geht“, führt er weiter aus. Typische Beispiele seien gespielte Nervosität bei einer extrem starken Hand oder Seufzen, Stöhnen oder Schulterzucken vor einem starken Einsatz. Der Unterschied zwischen echten und falschen Tells liege letztendlich in der Kontrolle der ausführenden Person.
Von der Runde mit ihren Mitspielern ist Yvonne sichtlich enttäuscht. „Ich wollte ein bisschen cashen, aber da ging nichts“, sagt sie. Keiner von ihnen sei risikobereit gewesen und das Spiel langweilig.
„Die würden ihren Autoschlüssel auf den Tisch legen“
Beim Cash Desk trifft sie Anca wieder, die sagt: „Ich bin busted, also raus“. In der Hand hält sie schon ein neues Teilnahme-Ticket für dasselbe Turnier – weitere 299 Euro. „Es lief erst gut und dann hab‘ ich ein paar Hände hintereinander verloren und hatte Pech“. Enttäuscht sei sie nicht: „Das ist eigentlich egal“, vor allem, wenn man mental stabil sei. „Der Pokergott will einfach nicht, dass du gewinnst, man kann auch sagen, es ist Schicksal, aber manchmal ist das halt so im Pokerturnier“, sagt Anca.
Für Turniere reserviert sie ein eigenes Budget, das nennt man im Poker Bankroll. „Man braucht eine gute Bankroll, sonst geht das nicht, wenn du mit deinem letzten Geld spielst. Du musst separates Geld haben nur fürs Poker und das andere fürs Leben“, erklärt Anca. Das sei wichtig, damit man gar nicht erst in Versuchung komme, sein Haushaltsgeld zu verzocken. Außerdem hemme es einen, wenn man mit der Angst spielt, die nächste Rechnung nicht bezahlen zu können.

Ein Standard-Pokerdeck besteht aus 52 Karten. | Foto: Solf
„Spielsucht darf man nicht unterschätzen“, warnt auch Yvonne, vor allem wenn man gerade anfange. Am Ende sei es ein Geschicklichkeitsspiel mit Glücksfaktor: 80 Prozent Können, 20 Prozent Glück. Mittlerweile können die beiden gut mit den Höhen und Tiefen des Spiels umgehen. Sie sähen jedoch besonders im Cash Game immer wieder Spieler, „von hochjauchzend bis zu Tode getrübt“. Manche, „die würden ihren Autoschlüssel auf den Tisch legen“, erzählt Yvonne, „aber das darf man einfach nicht vergleichen mit dem Turnierpoker“.
„Du kannst mit einem Obdachlosen spielen oder mit einem Anwalt“
Es ist 17 Uhr und das Haupt-Event des Pokerturniers ist in vollem Gange – auch Anca sitzt noch am Tisch. Yvonne wird an diesem Wochenende nicht mehr spielen. Anca tritt auch am Folgetag für die Fortsetzung des Events an.

Anca trägt ein selbstgemachtes Armband mit ihrem Pokernamen Damage. | Foto: Solf
„Du kannst mit einem Obdachlosen spielen oder mit einem Anwalt, das ist auch etwas Witziges. Jeder kann Pokerspielen lernen“, sagt Yvonne. Ihr Blick schweift durch den Raum. Dass sie pokern gelernt hat, war ein glücklicher Zufall. 2007, jedes Wochenende auf dem Holztisch einer Freundin. „Da hatte ich gesagt, wie langweilig, ich will ausgehen und ein bisschen Spaß haben“, doch als sie einmal angefangen hatte, war sie sofort angefixt. Heute ist Poker nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken, sie hat sogar ihren dreißigsten Geburtstag in einem Casino in Las Vegas gefeiert.
„Dieses Hobby ist wunderschön. Man kann so ein Selbstbewusstsein entwickeln, man behauptet sich ja auch gegen diese ganzen Typen“, sagt Yvonne. „Mir ist wichtig, Frauen zu ermutigen, dass sie keine Angst haben müssen, in so einen Raum zu gehen. Wir lieben alle das Spiel, das Abenteuer, das Risiko, die Adrenalinstöße. Das verbindet uns.“
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Was haben die Zaubershow, das Theater, der Strafprozess und das Casino gemeinsam? Die Antwort lautet, sie sind Orte der Täuschung. Aber ganz ehrlich: Jeder trickst oder lügt manchmal und wird ein andermal selbst getäuscht. Auf Social Media lassen wir uns von einem Magier und einem Mentalisten verzaubern und fragen uns, warum wir es faszinierend finden, getäuscht werden. Im Video blicken wir hinter die Kulissen der Bühne und wollen wissen, wie Schauspieler:innen es schaffen, ihre Rolle authentisch zu verkörpern. Im Podcast verraten wir euch, wie Richter:innen herausfinden, wer sie täuscht. Und im Textmagazin schauen wir hinter die Fassade des Pokerfaces zweier Spielerinnen.
(v. l. Marvin Kraus, Ines Bergler, Rebecca Preuß und Clara Solf)



