Wenn Verzicht zur Entscheidung wird

Die eine besitzt kaum etwas, die andere alles, was sie will – und trotzdem, sagt ein Konsumforscher, treibt beide dasselbe Bedürfnis an. Ekaterina hat sich vor über zehn Jahren gegen den Konsum entschieden, Salma lebt bewusst für ihn. Wer von beiden sich wirklich der Trendgesellschaft entzieht, ist nicht so eindeutig, wie es scheint.

– Vivian Ruppert, Gruppe Trend

Ekaterina steht morgens vor ihrem Kleiderschrank. Die Wahl fällt ihr leicht. Ihre aktuelle Alltagsgarderobe umfasst 20 Teile, dazu Unterwäsche und Sportsachen. Was gerade nicht Saison hat, liegt in einer Box auf dem Schrank. Ein unkomplizierter Morgen ohne langes Überlegen und ohne das Gefühl, nichts zum Anziehen zu haben. Für Ekaterina gehört das zum Alltag.

Bei Salma sieht das anders aus. Auch bei ihr ist alles sortiert, nach Farben und Jahreszeiten, mit klarem System. Wer in ihren Kleiderschrank blickt, findet eine bunte Farbpalette, mehrere Stilrichtungen nebeneinander und für jeden Anlass die passende Tasche. Auf den ersten Blick wirkt es schwierig, die verschiedenen Kleider auseinander zu halten. „Viele Kleidungsstücke sehen erstmal identisch aus“, erzählt sie, „sind aber im Schnitt oder im Look ganz anders.“

Zwei Kleiderschränke, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten und zwei grundverschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Wie geht man mit einer Welt um, die ständig neue Trends hervorbringt und zum Konsum anregt? Während eine von beiden sich bewusst dazu entschieden hat, diese abzulehnen, nutzt die andere sie als Chance. Minimalismus vs. Maximalismus.

Ekaterina: Die, die ausgestiegen ist

Ekaterina Polyakova ist 37 Jahre alt, geboren in der Sowjetunion, aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen und seit 16 Jahren in Berlin zuhause. Hauptberuflich ist sie Youtuberin und veröffentlicht unter ihrem Spitznamen „Mimi“ seit 2015 Inhalte zu einem Thema, welches damals in Deutschland auf Social Media noch kaum Aufmerksamkeit bekam: ein minimalistisches Leben, ein Leben mit möglichst wenig Ballast.

Unter Minimalismus wird eine Lebensweise verstanden, durch die man „sein Leben vereinfacht“, sagt Ekaterina. Das kann für jeden Menschen anders aussehen. Meistens beginnt es damit, den eigenen materiellen Besitz bewusst zu reduzieren, später weitet sich Minimalismus auch auf andere Lebensbereiche aus. Für die YouTuberin ist Minimalismus deshalb etwas Ganzheitliches: die immer wiederkehrende Frage, ob man sich unnötigen Ballast auflädt, der einem im Grunde nur im Weg steht. Das Ziel dahinter ist unkompliziert, mehr Zeit und Geld für das zu haben, was einem wirklich wichtig ist. Der Konsumpsychologe Jan Landwehr definiert Minimalismus nüchterner: „Eine allgemeine Präferenz für eine geringe Anzahl an materiellen Besitztümern.“ Entscheidend sei, dass Besitz etwas kostet, und zwar nicht nur Geld. Besitz kostet Zeit, weil Dinge angeschafft, gepflegt und wieder weggeräumt werden müssen. Er kostet auch psychisch, weil man ständig an seinen Besitz denkt oder fürchtet, ihn zu verlieren. Wenn Menschen das erkennen, entscheiden sich laut Landwehr viele für weniger.

Laut eines Artikels im Journal of Cultural Economy von Miriam Meissner wurde die Bewegung erst nach der Finanzkrise 2008 richtig massentauglich. Aus persönlicher Sinnsuche wurde ein Mainstream-Narrativ: durch Formate wie „Aufräumen mit Marie Kondo“ auf Netflix und durch die mediale Aufmerksamkeit für „The Minimalists“, zwei Ex-Angestellte großer US-Unternehmen, die unter diesem Namen Blog, Bücher und 2016 eine gleichnamige Dokumentation veröffentlichten.

Auch Ekaterina fielen in ihren frühen Zwanzigern zwei Dokumentationen auf, die sie dazu inspirierten, ihr Leben minimalistischer zu gestalten. Die erste Doku handelte direkt von Minimalismus, die zweite von japanischen Mönchen und deren radikal einfachem Leben. „Und dann habe ich einfach angefangen zu vereinfachen“, sagt sie. Bei ihr war der Kleiderschrank der erste Ort, an dem sie ansetzte: „Weil ich schon relativ wenig hatte, aber trotzdem noch einiges gefunden habe, was weg konnte.“ Und dabei blieb es nicht. Sie verschenkte alle Bücher, die sie besaß, weil sie diese nach einmaligem Lesen im Regal verstauben ließ. Möchte sie heute etwas lesen, greift sie zur digitalen Variante, als E-Book oder Hörbuch, oder leiht sich ein Buch aus der Bibliothek aus. In der Küche besitzt die 37-Jährige ein Schneidebrett, ein Messer, zwei Töpfe und eine Pfanne. Nur beim Geschirr macht sie eine Ausnahme. Sie hält vier Sets bereit, damit auch Gäste versorgt werden können und sich ihre Spülmaschine lohnt. Mit dieser Entscheidung ist Ekaterina keine Ausnahme. Bei einer Befragung von 20 Minimalist:innen deutschlandweit, die die Wissenschaftlerinnen Adrienne Steffen und Susanne Doppler für ihre Forschung 2024 durchführten, gaben die Teilnehmer:innen an, im Schnitt 270 bis 400 Gegenstände insgesamt zu besitzen – ein deutlicher Kontrast zu den rund 10.000 Dingen, die ein durchschnittlicher deutscher Haushalt beherbergt.

Besonders deutlich wird ihre Haltung, wenn sie sich etwas Neues kaufen muss. Seit Monaten weiß Ekaterina, dass ihr weitere Sportkleidung fehlt, da sie mittlerweile fünfmal pro Woche zum Sport geht. Trotzdem fällt es ihr schwer, sich zu dem Kauf durchzuringen. „Jede Kaufentscheidung fällt mir unglaublich schwer. Ich lasse mir da sehr viel Zeit“, erklärt sie. Einmal ließ sie sich zu einem Spontankauf hinreißen und merkte anschließend, wie schwer es ist, Dinge auch wieder loszuwerden, wenn sie sich doch als falsch herausstellen. Seitdem ist sie, wie sie selbst sagt, „vorsichtiger und noch bewusster geworden“.

Ekaterina steht somit auch für jemanden, der sich Trends nicht nur gelegentlich, sondern konsequent entzieht: „Trends gehen an mir vorbei. Sie interessieren mich nicht.“ Statt auf Aktualität achtet sie auf Funktionalität. Auch Einrichtungs- und Deko-Trends gehen an ihr vorbei. Zur Dekoration kauft sie lediglich Vergängliches wie Kerzen oder Schnittblumen. Ihr Zuhause besteht ausschließlich persönlichen Erinnerungsstücken.

Für die Youtuberin endet Minimalismus jedoch nicht mit materiellen Dingen. Er zieht sich durch alle ihrer Lebensbereiche. In Freundschaften beispielsweise bezeichnet sie ihr früheres Ich als jemanden, der „es immer allen recht machen wollte“. Heute achtet sie bewusster darauf, wer ihr wirklich guttut. Auch in der Arbeit versucht sie, Dinge zu vereinfachen. Ihr gehe es sehr viel besser seitdem, denn sie verbindet mit ihrem Lebensstil in erster Linie „Gleichgewicht, Freiheit, Leichtigkeit. Und Ruhe“.

Nicht jeder in ihrem Umfeld konnte ihren Lebensstil von Anfang an nachvollziehen. Vor allem ihre Mutter tat sich lange schwer damit. Sie ist in der Sowjetunion aufgewachsen, in einer Zeit, in der es oft am Nötigsten fehlte, eine einzige Strumpfhose, die man jeden Abend waschen musste, weil man sie nicht einfach nachkaufen konnte, selbstgenähte Kleidung, weil es keine Alternative gab. Dass ihre Tochter freiwillig auf Konsum verzichtet, obwohl sie es sich leisten könnte, konnte sie lange nicht verstehen.

Salma: Die, die Mode als Leidenschaft lebt

Salma tickt anders. Auf dem Instagram-Kanal der 18-jährigen Schülerin dreht sich alles um Mode, um immer neue Outfits, um das Ausprobieren von Trends. Mehrmals die Woche postet sie neue Hauls oder Shopping-Vlogs. „Mode ist für mich eine Möglichkeit, kreativ zu sein und mich jeden Tag anders auszudrücken. Es bereitet mir Freude und ist ein wichtiger Teil meines Contents“, erklärt sie. Trends inspirieren sie, allerdings übernimmt sie diese nicht unverändert, sondern kombiniert sie mit ihrem eigenen Stil. Mit der Zeit wurde ihr bewusst, wie stark Kleidung als Kommunikationsmittel wirkt, dass fremde Menschen sie über ihr Aussehen einschätzen, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist. Seitdem ist Mode für sie ein fester, bewusster Bestandteil ihres Lebens.

Ein Blick in ihren Kleiderschrank verrät ein durchdachtes System: Farben und Jahreszeiten geben die Struktur vor, für jedes Wetter stehen die passenden Schuhe bereit. Ihr Kleiderschrank ist für sie einerseits Sicherheit, für jeden Anlass sei etwas Passendes vorhanden, andererseits eine Art Archiv der eigenen Person. „Mein Kleiderschrank hält viele meiner Erinnerungen. Ein Oberteil aus letztem Sommer würde ich heute vielleicht nicht mehr anziehen, weil es nicht mehr zu meiner Persönlichkeit passt, aber das zeigt meinen Fortschritt und meine Entwicklung, und hält die Erinnerung an die Tage, an denen ich es anhatte.“

Ekaterinas minimalistischen Lebensstil kann Salma nachvollziehen, gerade weil auch sie spürt, wie überfordernd es werden kann, wenn Überkonsum aus dem Ruder läuft. Für sich selbst schließt sie diesen Lebensstil allerdings aus: „Ich könnte es mir nicht vorstellen, so (Komma dazugekommen) zu leben, weil mir einfach die Vielfalt fehlen würde.“ Shoppen ist für sie Auszeit, Hobby, ein kleines Abenteuer, vergleichbar mit dem, was andere Menschen in Kunst, Musik, Gaming oder Sport investieren. Kritik an ihrer Modebegeisterung begegnet sie entsprechend gelassen. „Wer eine Leidenschaft hat, investiert eben Zeit, Geld und Energie hinein. Deshalb finde ich nicht, dass man das automatisch als etwas Negatives oder als Überkonsum bezeichnen sollte“, sagt Salma. Auch Social Media und aktuelle Trends spielen dabei eine Rolle: „Meine Kaufentscheidungen werden durch Trends sehr, sehr stark beeinflusst, weil man ein bestimmtes Kleidungsstück jeden Tag auf Instagram sieht, und es einen automatisch dazu verleitet, dieses Kleidungsstück zu mögen und es ebenso zu kaufen.“

Trotzdem reflektiert Salma ihren Konsum auch: „Natürlich sollte man bewusst einkaufen und sich Gedanken über seinen Konsum machen.“ Sie beschreibt einen Kreislauf: Wer ständig Neues kauft, dem gehen die alten Sachen im Schrank irgendwann unter, man verliert die Übersicht und hat am Ende trotzdem das Gefühl, eigentlich nicht viel zu besitzen, obwohl objektiv das Gegenteil der Fall ist. „Ich fand es anfangs überfordernd und frustrierend, aber meinen Kleiderschrank verkleinern konnte ich nicht, weil sonst ein großer Teil von mir fehlen würde.“ Ihre Lösung bestand nicht darin, weniger zu kaufen, sondern besser zu organisieren, „damit man sowohl alte als auch neue Teile anzieht“.

Damit steht Salma exemplarisch für ein Phänomen, das in den vergangenen Jahren unter dem Begriff Fashion-Haul bekannt geworden ist. Auf Instagram und TikTok präsentieren Creator:innen regelmäßig umfangreiche Kleiderlieferungen, häufig von Fast-Fashion- oder sogenannten Ultra-Fast-Fashion-Anbietern, deren Kollektionen sich mittlerweile im Wochen- oder gar Tagestakt ändern. Allein auf Instagram finden sich Millionen Beiträge unter dem Hashtag Haul, auf TikTok reichen die Aufrufzahlen in die Milliarden. Eine Befragung von rund 500 deutschen Jugendlichen im Auftrag von Greenpeace unterstreicht diese hohen Aufrufzahlen: Über 80 Prozent der Teenager kaufen ihre Kleidung bei klassischen Fast-Fashion-Ketten wie H&M oder C&A. Der zur Schau gestellte Konsum ist längst ein eigenes Content-Format geworden.

Gesehen werden wollen

Warum Trends eine Anziehungskraft ausüben, weiß Konsumpsychologe Landwehr. Laut ihm liegt die Antwort weniger in den Produkten selbst als in den Menschen, die sie vorleben. Trends würden heute vor allem durch Influencer:innen befeuert, „die häufig als erstrebenswerte Vorbilder gesehen werden, denen man nacheifern möchte“. Er verweist auf die Lerntheorie von Albert Bandura, das sogenannte „Lernen am Modell“. Menschen passen ihr eigenes Verhalten an das von Vorbildern an. Das erklärt recht anschaulich, warum ein Kleidungsstück, das man ständig auf Instagram sieht, irgendwann zum Kaufwunsch wird –genauso wie Salma es selbst (Komma ist weg) beschreibt.

Landwehr teilt eine weitere Beobachtung über beide Lebensformen. Für ihn sind sie Ausdruck derselben Gesellschaft. Nicht nur Minimalismus, auch Maximalismus. Hinter beiden vermutet er dasselbe Grundbedürfnis, gesehen zu werden. Nur der Ausdruck ist ein anderer. Einmal über sichtbaren Besitz, einmal über dessen demonstrative Reduktion. Der Unterschied zwischen Ekaterina und Salma liegt also nicht unbedingt darin, wie viel sichtbar gemacht wird, sondern was.

Derzeit prägen vor allem reduzierte, cremefarbene Räume und Capsule Wardrobes die Interior- und Modemagazine, weshalb sich die Frage stellt, ob Minimalismus nicht selbst auch als Trend gesehen werden kann. Landwehr bejaht dies ohne Zögern. Die deutlich gestiegene Zahl an Beiträgen und Influencer:innen zu diesem Thema spreche eindeutig dafür. Ekaterina sieht das ähnlich, allerdings mit einer zeitlichen Einschränkung. „Trends verlaufen ja auch immer in Wellen“, sagt sie. Auf eine Phase, in der Minimalismus zum Trend wird, folge meist wieder eine Gegenbewegung Richtung Maximalismus und genau das beobachtet sie derzeit selbst: „Ich habe nicht das Gefühl, dass der Trend gerade Minimalismus ist.“

Was bleibt

Was bleibt, ist die Frage: Wie viel braucht man eigentlich für ein gutes Leben? Für Ekaterina lautet die Antwort seit über 10 Jahren gleich: möglichst wenig, dafür mit möglichst viel Bedeutung. Für Salma liegt der Wert gerade in der Vielfalt, im täglichen Neu-Erfinden über Kleidung. Was beide dennoch verbindet: Sie haben ihren Konsum, ob durch Reduktion oder durch Sortieren, zu etwas Bewusstem gemacht, statt ihn einfach geschehen zu lassen.

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Gruppe Trend

Trends sind ständig um uns herum! Sie beeinflussen, was wir tragen, wie wir uns verhalten und worüber wir sprechen, ohne dass wir es oft bewusst bemerken. Um zu verstehen, wie der Zeitgeist unsere Generation prägt, zeigen wir vier Perspektiven auf das Thema. Im Video werfen wir einen Blick darauf, wie sich Trends auf Kinder auswirken und welche Rolle Social Media dabei spielt. Im Podcast sprechen wir über Modetrends: wie sie sich im Laufe der Zeit verändert haben und welchem Zyklus sie folgen. In unserem Textbeitrag beleuchten wir Minimalismus und Maximalismus als zwei unterschiedliche Antworten auf Trends und Konsum. Und auf Social Media zeigen wir, wie ein Trend entsteht, wer ihn aktiv kreiert und warum manche Trends immer wieder zurückkehren.

(v. l. Franka Bendixen, Ella Holzer, Vivian Ruppert und Hannah Lerpscher)