Level up

Rund 120.000 Jugendliche in Deutschland leben in einer Jugendhilfeeinrichtung. Wie bestreiten sie ihr Leben? Wie planen sie ihre Zukunft? Drei junge Männer erzählen von ihren Erfahrungen und ihrem Blick in die Zukunft.

Im Labyrinth bis zum eigenständigen Leben.

 

Von Teresa Emmert und Nadja Saied

„Ich hab‘ frisch geputzt“, sagt Lugh stolz, während er die Zimmertür aufmacht und hineingeht. In der Mitte des Raumes bleibt er etwas verlegen stehen. Sieht sich unsicher um. Was jetzt? sagt sein Blick.

Lughs Zimmer sieht aus wie das typische Zimmer eines 18-Jährigen. Stapel von Fantasybüchern türmen sich auf einer Holzkommode, die sich an einen altmodischen hohen Schrank schmiegt. Gegenüber drängen sich zwei Wäscheständer, stoßen beinahe an die holzverkleideten Dachschrägen. Und neben dem Bett, das kaum größer als 100×200 cm ist, fällt der Blick auf eine Pinnwand, die mit Fotos bedeckt ist. Auf einem Bild zu sehen: drei grinsende junge Männer.

Eine Tür knallt im Haus. Ein Mädchen brüllt. Lugh wird unruhig und tauscht einen Blick mit Jonas aus, der an der Zimmertür steht. Dann tritt wieder Stille ein.

Die Stimmung auf dem Foto wirkt gelöst, die Jungs stehen nah beieinander. Lugh ist in der Mitte, seine Arme lässig um die Beiden rechts und links von ihm geschlungen. Er lächelt direkt in die Kamera. Jonas (19) steht rechts von ihm, sein Gesicht als wilde Grimasse verzogen. Und links: Babrzai, kurz Babu (18), mit einem entspannten Lächeln auf den Lippen. Das Bild wirkt unbeschwert. Wieder knallt eine Tür; ein ganz normales Foto. Das Mädchen läuft den Gang hinunter und schreit ins Telefon. Darauf zu sehen: ganz normale Jugendliche. Ein drittes und letztes Mal schlägt die Tür zu; ein Bild an der Wand eines ganz normalen Teenagerzimmers.

Elf Jugendliche wohnen aktuell in der Stadtwohngruppe der Jugendhilfeorganisation „Freedom“ in Waldkirchen, Niederbayern, die Platz für bis zu vierzehn Jugendliche bietet. Lugh, Jonas und Babu gehören zu ihnen.

Das Schicksal der Jugendlichen in den Freedom-Häusern ist oftmals eng mit dem Thema Sucht verknüpft. Teil der Einrichtungsphilosophie ist ein Stufensystem, das aus der Suchtarbeit stammt. Es geht auf den Träger der Häuser, die Fachklinik Schlehreut für suchtkranke erwachsene Frauen, zurück.

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Die Regeln

„Die Idee vom Träger war damals, dass es auch eine Einrichtung für Jugendliche mit Drogenproblemen geben sollte“, erklärt Josef Hindinger. Es ist Samstagabend, 19:30 Uhr. Die Hitze des Sommertags steht noch in der Luft von Waldkirchen. Nur im Büro der Stadtwohngruppe ist es angenehm kühl. Josef Hindinger sitzt am Ende eines langen Holztisches. Er strahlt Ruhe aus, wirkt bedächtig, obwohl ihm die Worte beim Sprechen schnell über die Lippen kommen. Während er die Regeln der Wohngruppe erklärt, merkt man an seinem ausgeprägten bayerischen Dialekt, dass er aus der Gegend stammt. 15 Jahre arbeitet Josef schon in der Stadtwohngruppe, seit neun Jahren ist er Gruppenleitung.

Gruppenleiter Josef Hindinger (l.). Daneben: das Foto aus Lughs Zimmer mit Jonas (v.l.), Lugh (m.) und Babu (r.) (Fotos: Privat).

Wer bei Freedom aufgenommen wird, startet zunächst in den Ersteinrichtungen Schachtlau oder Lackenhäuser in Neureichenau auf Level Null. Ground Zero sozusagen. Stufe Null hat keine Rechte, weder Handy, noch irgendein anderer Kontakt nach außen ist möglich. Nichts außer Ankommen und Runterkommen, sagt Hindinger, wie unter einer Käseglocke. Und an diesem Punkt startet ausnahmslos jeder, der neu dazukommt.

Für jeden Jugendlichen gibt es eine*n Bezugsbetreuer*in, sowie eine*n Bezugstherapeut*in, die ihnen Aufgaben zuteilen. Die Aufgaben sind sowohl praktisch als auch theoretisch. Zentral sei dabei immer die therapeutische Reflektion. Vergangenheit, Konsumverhalten, Haltung zu Drogen und Alkohol, Erfolge, Rückschläge… Die Liste der Themen ist lang. Wer es schafft und Stufe fünf erreicht, hat die Möglichkeit den Übertritt in die Jugendwohngruppe Waldkirchen zu machen. Bei Jonas war das anders.

Level vier – Jonas

Sonntagnachmittag, 15 Uhr, Waldkirchen. Die Sonne brennt auf das unscheinbare Haus der Stadt-WG, das zwischen Waldrand und Hauptstraße in der Kurve liegt. Von der Straße sieht man Baugerüste, die sich um das Haus ranken wie Kletterpflanzen. Mehrere Schilder weisen einen Malerbetrieb im Haus aus. Nicht eines weist auf den zweiten Hauseingang im ersten Stock auf der anderen Hausseite hin. Jonas lässt sich auf einen alten Bürostuhl im Therapieraum der Stadtwohngruppe fallen. Er hat glatte dunkelbraune Haare. Sie sind inzwischen deutlich kürzer als auf dem Foto. So erkennt man auch das kleine Hörgerät an seinem Ohr. Er wirkt ruhig, seine tiefe Stimme verhallt im beigen, leeren Raum.

Auf die Frage, wie lange Jonas schon bei Freedom ist, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: 18.02.2022. Ein Jahr, sechs Monate. Als habe er seit seinem ersten Tag in Schachtlau eine Strichliste geführt.

Nach zwei Wochen in der Ersteinrichtung wird Jonas zum ersten Mal auf Level Null zurückgestuft. Es bleibt nicht das letzte Mal. Er klaut Ritalin, konsumiert, schmuggelt Alkohol in die Einrichtung, die Liste ist lang. Nach einiger Zeit knackt er die sieben Monate auf Stufe Null und steht kurz vor dem Rauswurf. Ab da ändert sich alles. Binnen vier Wochen arbeitet Jonas alle Aufgaben ab, steigt von Stufe null auf vier. Schließlich steht er vor der Entscheidung, ob er einen frühen Übertritt nach Waldkirchen wagen soll. Jonas fällt die Wahl schwer. Er ist sich nicht sicher, ob er schon bereit ist in die Stadtwohngruppe zu ziehen. Er vertraut seiner Bezugsbetreuerin die Entscheidung an. Kurze Zeit später zieht Jonas in die Stadt-WG.

Das Stufensystem der Jugendhilfeorganisation Freedom (Quelle: eigene Darstellung).

Seitdem sind vier weitere Wochen vergangen. Jonas lebt jetzt in Waldkirchen – und er bereut seine Entscheidung. Zu früh. Zu überstürzt. Eine Rückkehr ist für ihn dennoch keine Option. In der Stadtwohngruppe läuft alles anders für Jonas. Mit Stufe vier hat er hier weit weniger Rechte als in Schachtlau. Seine Ausgangsmöglichkeiten sind limitiert, er darf nur mit einer Person mit Stufe sechs raus. Internet ist tabu, ebenso wie der Besitz eines Handys. Außerdem fehlt ihm der Zusammenhalt unter den Jugendlichen. Dort war er der Älteste, der Stufenhöchste, das habe ihm Respekt eingebracht. Hier ist dagegen alles anders. „Die Leute kenne ich nicht, die sind viel länger hier, teilweise schon seit 2020. Die kennen das komplette System. Man fühlt sich klein, weil man noch nichts weiß. Man muss eben wieder alles kennenlernen.“

Jonas ist verhaltensauffällig, hat stark ausgeprägtes ADHS. Freedom ist nicht seine erste Jugendhilfeeinrichtung. Er selbst bezeichnet sich als Systemsprenger. Systeme zu erkennen und zu umgehen, das habe immer gut funktioniert für ihn. Mit zwölf kommt er in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie und muss nach zwei Monaten gehen. Er sei nicht therapierbar, heißt es.

ADHS ist eine Verhaltensstörung, deren Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung steht. Kernbereiche der Merkmale sind ausgeprägte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung, Impulsivität und körperliche Unruhe. Die Störung ist nicht bei allen Betroffenen gleich ausgeprägt und verändert sich oft im Verlauf. Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS kann es zu aggressivem und oppositionellem Verhaltensweisen kommen. Die Störung kann sich aber beispielsweise auch durch gesteigerte Kreativität oder Spontanität ausdrücken. Weitere Informationen sind unter der Website des zentralen adhs-netz zu finden.

2020 nimmt sich seine Großmutter das Leben. Dann beginnt die Corona-Pandemie. Jonas rutscht ab. Daraufhin beginnt seine Odyssee durch das Jugendhilfesystem. Er begeht Straftaten, fliegt aus der ersten Einrichtung, klaut, trinkt, konsumiert Drogen wie Marihuana, Ecstasy und Kokain. Das Trinken wird zu seinem größten Problem. Nach einem Jahr fliegt er auch aus der zweiten Einrichtung. Ein weiteres halbes Jahr später kommt Jonas nach Schachtlau.

Die ins Haus integrierte Schule bricht er irgendwann ab, um sich ganz auf seine Therapie zu konzentrieren. Das bereut er auch heute nicht. Jonas sagt, es habe ihm geholfen. Schule sei ohnehin nie sein Ding gewesen, seine Zukunft sieht er im Handwerk. Ab September will er eine Ausbildung zum Maler, Maurer oder Zimmerer machen. Deshalb macht er seit vier Wochen ein Praktikum beim Maler Barth, mit dem sich die Stadt-WG das Haus teilt.

Es ist für ihn dort nicht einfach. Die Mitarbeiter*innen hätten ein schlechtes Bild von der Einrichtung aufgrund einiger Vorfälle. „Als ich das erste Mal unten war, waren alle ziemlich kritisch und direkt sehr streng. Das setzt einen unter Druck.“ Aber Jonas möchte das ändern. Er sagt, es würde langsam besser werden, man könne jetzt auch mal einen Scherz miteinander machen. Aber manche Dinge seien weiterhin schwierig, zum Beispiel der Umgang mit seiner Hörbeeinträchtigung. „Es ist schon kritisch, wenn man nichts hört und dort immer angeschrien wird.“ Jonas ist seit seiner Geburt auf beiden Ohren hörbehindert. Deshalb trägt er ein kleines Hörgerät am Ohr, das an einen Bluetooth-Kopfhörer erinnert.

Level sechs – Babu

Montagnachmittag, 15 Uhr, Waldkirchen. Der laue Juniwind zieht durch die Werkstatt, deren Rolltore geöffnet sind und den Blick auf die angrenzenden Wiesen und Felder freigeben. Im Hintergrund dudelt leise Radiomusik, die immer wieder von lauten Schraubgeräuschen durchbrochen wird. Babus Hände sind schwarz verfärbt, ein leichter Streifen zieht sich über seine Wange. Der schwarze Lockenkopf wippt leicht bei jeder Bewegung. Während er konzentriert an dem vorderen Reifen eines alten Subarus schraubt, der vor ihm aufgebockt in der Luft hängt, erklärt er seinen Auftrag: die Spurstangenköpfe vorne und die Feder rechts hinten austauschen.

„Meiner Meinung nach ist das BVJ nur Zeitverschwendung. Man lernt dort wirklich gar nichts.“ Deshalb will Babu dort auch so wenig Zeit wie möglich verbringen. Er arbeitet lieber und lernt etwas, statt seine Zeit abzusitzen, sagt er. Also kommt er jeden Tag pünktlich um 7.30 Uhr und bleibt bis 17 Uhr. Sein Engagement zahlt sich aus:

Babu bei der Arbeit in der Werkstatt (Foto: Nadja Saied).

Sein Chef bietet Babu ab September einen Ausbildungsplatz als KFZ-Mechatroniker in der Werkstatt an. Knapp fünf Monate arbeitet Babu nun schon in der KFZ-Werkstatt Saibold in Waldkirchen. „Die Arbeit liegt mir im Blut“, sagt er. Schon sein Vater habe beim afghanischen Militär an Flugzeugen und Autos rumgeschraubt. In der Berufsschule ist Babu nur für eine Woche beim Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), bevor er den Praktikumsplatz in der Werkstatt findet.

Babus Weg dorthin war nicht leicht. Mit zehn Jahren nehmen Freunde seines Vaters ihn von Afghanistan mit nach Deutschland. Ab da ist er auf sich allein gestellt. Zunächst kommt er in eine Kinder- und Jugendeinrichtung in Sulzbach. „Am Anfang war es schon schwierig. Ich war zehn Jahre alt, ganz neu in Deutschland und habe nichts verstanden. Ich konnte kein Wort Deutsch, gar nichts. Es war alles ungewohnt für mich, ich habe mich überhaupt nicht wohlgefühlt. Ich habe sehr oft geweint, weil ich Heimweh hatte.“ Innerhalb eines halben Jahres lernt er die Sprache und lebt sich stückweise in der ungewohnten Umgebung ein.

Auch hier ist es anfangs schwer. Babu wehrt sich, will seine neue Situation nicht akzeptieren. „Ich wollte da nicht sein. Ich war noch total in meinem Film drinnen und habe mir nur gedacht: Ich hasse es hier.“ Im Haus Schachtlau lernt er Jonas und Lugh kennen. Babu zählt sie seitdem zu seinen wenigen Freunden in der Einrichtung. Ein kleiner Kreis, der ihm völlig ausreiche, wie er sagt. Aber zwischen jetzt und damals musste viel passieren, bis es irgendwann Klick machte. Babu konsumiert immer wieder, vor allem Ritalin. Aber mit der Zeit und der Hilfe seiner Bezugsbetreuerin in Schachtlau wird Babu ruhiger. Er kommt langsam in seiner neuen Realität an.

Die Schwierigkeiten beginnen schleichend über die kommenden Jahre. Der erste Joint. Dann stetiger Konsum. Und irgendwann verkauft er Gras. Da sind die falschen Freunde, die Drogen fühlen sich gut an und das Geld lockt. Einen Anteil davon schickt er seiner Familie in Afghanistan. Irgendwann entdeckt Babu Ecstasy für sich. Es wird schnell zu seiner „Haupt- und Lieblingsdroge“, wie er es nennt. Dann finden Polizist*innen bei einer Kontrolle 23 Pillen bei Babu. Mit 16 Jahren steht er mit einem Fuß im Jugendgefängnis. Weil er noch so jung ist, entscheidet sich der Richter gegen eine Haftstrafe und verordnet Babu eine Therapieauflage. Er muss Sulzbach verlassen und wird nach Neureichenau ins Haus Schachtlau geschickt.

Seitdem sind vielleicht zwei Jahre vergangen. So ganz genau weiß Babu das nicht mehr. In der Wohngruppe ist er bereits seit mehreren Monaten. Jeden Morgen wird gepustet, jedes Mal nach einem Ausgang auch. Unangemeldete Drogentests sind an der Tagesordnung. Babu ist jetzt Level sechs. Sein nächstes Ziel: Stufe sieben und ein Führerschein. Der wäre vor allem für seinen Arbeitsweg von Vorteil. Knapp drei Kilometer ist die Werkstatt von der Einrichtung entfernt. Deshalb nimmt Babu meistens den Bus, der einmal die Stunde fährt.

„Man wusste ja am Anfang nicht, was er verbrochen hat.“

Michael Saibold (54) sitzt auf einer blauen Bank vor der modernen grauen Werkstatt in Waldkirchen. Inzwischen ist es 16 Uhr, immer wieder fahren Abschlepper vor und laden weitere Autos zur Reparatur im Hof ab. „Er ist interessiert, das ist gut“. Saibold spricht mit starkem niederbayerischem Dialekt, so wie fast jede*r Mitarbeiter*in der Werkstatt. Babu mag das, findet es witzig. Sein Chef habe ihm auch mal eine Tabelle mit deutsch-bayerischen Übersetzungen geschickt.

Als Babu in der Werkstatt auftaucht, sind Saibold und seine Mitarbeiter*innen zunächst skeptisch. „Man wusste ja am Anfang nicht, was er verbrochen hat“, erzählt Fabian Saibold, Sohn des Chefs, während er Babu beim Auswechseln der Spurstangenköpfe hilft. Während er von seinem ersten Eindruck schildert, ist die Stimmung entspannt.

Babu ist nicht der erste aus der Stadt-WG, der in der Werkstatt anfragt und nicht bei allen vorherigen Beispielen ist die Zusammenarbeit gut gelaufen. Mit dem letzten Jungen sei zunächst auch alles gut gewesen. Ein ganzes Jahr sei er bereits in der Ausbildung gewesen, bevor der Rückfall kam. Es folgt der Rauswurf aus der Einrichtung und der Abbruch der Ausbildung.

Der Start ist unterkühlt, aber Babu bekommt einen Vertrauensvorschuss. Er überzeugt. So bekommt er auch die Ausbildungsstelle von seinem Chef angeboten. Er habe gute Karten, es zu schaffen, sagt Michael Saibold, aber es brauche auch noch etwas Zeit, bis er gefestigt ist. Dann könne er auch richtig in die Gemeinschaft im Ort integriert werden.

Der Weg zur Werkstatt Saibold in Waldkirchen (Foto: Nadja Saied).

Blick aus dem Fenster des Therapieraums in der Stadtwohngruppe Waldkirchen (Foto: Nadja Saied).

Babu in der Werkstatt (Foto: Nadja Saied).

Finale? – Lugh

Lugh ist der erste, der sich auf den klapprigen Bürostuhl im Therapieraum setzt. Seine hellblonden Haare sind länger als auf dem Foto und er trägt inzwischen einen leichten Bart. Er wirkt nervös, sitzt zunächst etwas steif da. Mit der Zeit entspannt er sich, lehnt sich etwas zurück. Wenn er spricht, ist er bedacht, wirkt sehr vernünftig. Er spricht beinahe wie ein*e Sozialpädagog*in, während er das System der Einrichtung bis ins Detail erklärt und analysiert. Aus dem Gesagten klingt weder Widerwille noch Beschwerde heraus, sondern vor allem Akzeptanz. Noch ist er Stufe sechs.

Fragen dieser Art beantwortet Lugh nicht zum ersten Mal. Bei einem Suchtarbeitskreis in Waldkirchen habe er beispielsweise schon einmal die Stadt-WG vertreten, erzählt er. Vor so vielen Menschen, die er nicht kennt und die ihn nicht kennen, offen über seine Jugendhilfeerfahrung zu sprechen, ist für Lugh kein Problem. „Ich meine, ich sitze hier und gebe ein Interview“, erklärt er halb im Scherz.

Lugh ist 13 oder 14, als er mit dem Kiffen anfängt. Ganz sicher ist er sich nicht mehr. Aber dabei bleibt es nicht. Kiffen wird zu Komasaufen – und mehr. Aber das „mehr“ möchte Lugh lieber nicht so genau ausführen. Das größte Problem dabei: Lugh ist seit knapp 12 Jahren Diabetiker. Die Kombination aus Drogen und Diabetes kann verheerend für ihn und seine Gesundheit sein. Als die Lage vor etwas mehr als drei Jahren aus dem Ruder läuft und seine Eltern von seinem Konsum erfahren, ziehen sie unverzüglich Konsequenzen. Zuerst kommt Lugh in eine Kinder- und Jugendpsychatrie, wegen gefährlichem Konsumverhalten für sich selbst und andere. Als der ersehnte Erfolg ausbleibt, wird klar: Lugh muss weg von Zuhause und raus aus dem alten Umfeld. Einige Zeit später kommt er nach Schachtlau.

Die Zeit in der Einrichtung war nicht immer leicht. „Wenn man noch relativ neu ist in der Therapie und noch keinen Plan von allem hat, wo man hinwill, was man machen möchte, ist das absolut überfordernd“, erzählt Lugh. Vor allem die obligatorischen Hilfeplangespräche, die der Zukunftsplanung der Jugendlichen dienen.

„Man weiß gar nicht, was man sagen soll. Man fragt sich dann oft, ob das richtig ist, was man sich denkt und was man will.“

Dabei sitzen um die Jugendlichen zuständige Mitarbeiter*innen des Jugendamts, Eltern, Betreuer*innen und Therapeut*innen zusammen und beraten über den weiteren Weg. „Man weiß gar nicht, was man sagen soll. Man fragt sich dann oft, ob das richtig ist, was man sich denkt und was man will“, erzählt Lugh von der Zeit damals. Aber es wird einfacher. Stück für Stück findet Lugh heraus, wohin er möchte und was er mit seinem Leben anstellen will: ins Handwerk. Und die Hilfeplangespräche wenden sich von einer Last zu einer tatsächlichen Stütze.

Inzwischen besucht Lugh die zehnte Klasse, M-Zweig in der Mittelschule. Erstmal der Schulabschluss, dann beginnt ab September die Lehre beim Metallbauer Jakob in Waldkirchen. Ab da sind es noch drei Jahre. Bis zu seinem 21. Geburtstag, also drei Jahre, hat Lugh bevor das Jugendamt aufhört zu zahlen. Das ist gängige Praxis und Gesetzeslage. Bis dahin plant Lugh in der Einrichtung zu leben. Bräuchte er darüber hinaus noch Hilfe, bekommt er sie beim Jugendamt nur mit Härtefallantrag.

Final Round

16:30 Uhr. Dunkle Wolken ziehen über der Werkstatt Saibold über den Himmel. Der Wind wird stärker. Noch eine halbe Stunde wird Babu in der Werkstatt stehen, bevor er für heute fertig ist. Auf dem Heimweg wird er beim Metallbauer Jakob Halt machen, um Jonas abzuholen. Er hat dort heute seinen ersten Praktikumstag. Im gleichen Betrieb, in dem Lugh im September seine Ausbildung beginnt. Um 17:23 Uhr werden Jonas und Babu gemeinsam in den Bus 501 Richtung Stadt-WG steigen.

Wo Jonas seine Ausbildung machen und wie lange er dort bleiben wird, ist noch nicht sicher. Er will spätestens in einem halben Jahr zurück zu seiner Mutter ziehen. Wenn möglich, will Jonas seine Ausbildung dann dort, in seinem Heimatort Rosenheim, fortsetzen. Ob das möglich sein wird und ob seine Mutter und er dafür bereit sein werden, wird sich noch zeigen.

Zurück in der Einrichtung betrachtet Lugh die Aussicht auf das Danach noch mit gemischten Gefühlen. Es fühlt sich für ihn seltsam an, über den Start in ein komplett selbstständiges Leben nachzudenken. Wie funktioniert das überhaupt mit Anträgen und Formularen? Wie geht das mit Miete und Rechnungen zahlen? Noch macht das alles Angst. Noch fühlt Lugh sich darauf nicht ausreichend vorbereitet. Aber er ist zuversichtlich. Noch ein paar Jahre, dann wird er das alles wissen. Dann wird er gut vorbereitet sein. Dann wird hoffentlich Realität, wofür er, Jonas und Babu sich Stufe für Stufe hochgekämpft haben: ein selbstständiges Leben.